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Peru : Misstrauen und Unzufriedenheit im demokratischen Alltag
Entstehung
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10 Auf dem Land ist der Staat in ganzen Regio­nen nur eingeschränkt präsent. Dies gilt insbe­sondere für infrastrukturell schlecht erschlossene Regionen in den Anden und im östlichen Tiefland Perus. Zwar mögen formal staatliche vorgesehene Ämter besetzt sein, mögen Bürgermeister und kommunale Verwaltungen auf dem Papier exis­tieren, ihre tatsächliche Relevanz ist jedoch oft begrenzt gegenüber der Bedeutung von mächti­gen lokalen und regionalen Akteuren. Ein Problem stellt nach wie vor die Kriminalität dar. Die Alltagskriminalität insbesondere in Lima FES-Analyse: Peru erreicht nicht die Ausmaße wie etwa in kolumbi­anischen Großstädten, Überfälle mit Waffenge­walt kommen zwar vor, sind aber nicht der Regel­fall gegenüber trickreichen Diebstählen u.ä.. Al­lerdings zeigen sich Besorgnis erregende Tenden­zen wie beispielsweise die Zunahme von Entfüh­rungen in Lima. Es trägt nicht zum Vertrauen in die Effizienz der staatlichen Sicherheitskräfte bei, dass immer wieder Berichte in den Medien kur­sieren über die Verwicklung von Polizisten in die Bandenkriminalität. Die(nicht) organisierte Zivilgesellschaft Die traditionellen, starken, organisierten zivilge­sellschaftlichen Akteure sind von der Krise der 80er und 90er Jahre nicht verschont geblieben. Noch Mitte der 80er Jahre existierte beispielswei­se in den Städten, besonders in Lima, ein umfang­reiches Netz von Organisationen von Mütterko­mitees, die sich um das tägliche Glas Milch(va­so de leche) für ihre Kinder kümmerten, bis hin zur preisgekrönten Selbstverwaltung in Villa El Salvador, dem weit über Peru hinaus bekannt gewordenen Vorort von Lima. Besonders die Iz­quierda Unida(Vereinigte Linke), die in den 80er Jahren zeitweise Lima regierte, war dabei politischer Ansprechpartner. Unzählige Nichtre­gierungsorganisationen waren als Akteure prä­sent, in denen linksliberale Intellektuelle ihren Beitrag zur Förderungdes Volkes zu leisten versuchten. In den 90er Jahren bis zum gegenwärtigen Zeit­punkt kann von einer solchen Organisationsdichte keine Rede mehr sein. Mit der Verschärfung des internen Krieges zwischen Staat undLeuchten­dem Pfad geriet die demokratische Linke zwi­schen die Fronten. Gesellschaftliches Engage­ment war mit höchsten Risiken verbunden. Dar­über hinaus geriet die politische Linke mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialis­mus in eine tiefe Identitätskrise. Die an Wettbe­werb und Markt orientierte Wirtschaftspolitik seit 1990 bewirkte, dass für viele die eigene Existenz­sicherung im Vordergrund stand und nicht mehr die überkommenen Werte von Solidarität und kol­lektiver Interessenvertretung. Auch die peruanische Gewerkschaftsbewegung wur­de entscheidend geschwächt. Ohnehin immer ge­spalten in ideologisch verfeindete Fraktionen, ver­lor sie in dem Maße ihre Basis, in dem die Zahl von fest Beschäftigten abnahm zugunsten infor­mell organisierter Erwerbstätigkeit auf eigene Rechnung. Gegenwärtig sind die peruanischen Gewerkschaften zwar in der Lage, etwa mit punk­tuellen Streiks als Akteur präsent zu sein, eine mächtige Gewerkschaftsbewegung mit Massen­basis auf nationaler Ebene gibt es aber nicht. In den Nachbarländern Bolivien und Ecuador haben indianische Bewegungen die Gewerkschaf­ten als entscheidende zivilgesellschaftliche Ak­teure von nationaler Bedeutung abgelöst. In Peru dagegen existiert keine starke indianische Bewe-