Karin Hunn Kulturelle Begegnungen zwischen Konflikt und Synthese Anmerkungen zur Geschichte der Einwanderung aus der Türkei wichtig seien vor allem Verständnis, Toleranz und die Begegnung als Mensch, denn„ auch diejenigen, die anders beten als wir, sind Menschen wie Sie und ich.“ Dass die Initiativen wohlmeinender Arbeitgeber in sozialer und menschlicher Hinsicht durchaus auch kontraproduktiv sein konnten, zeigt das Beispiel einer Eisengießerei in der hessischen Kleinstadt Stadtallendorf. Nachdem sich das Unternehmen 1963 innerhalb der Branche danach erkundigt hatte,„ welche Nationalität für diesen Job am besten geeignet sei“, entschied es sich für die Anwerbung türkischer Arbeiter. Die meisten von ihnen stammten aus ländlichen Regionen in Ostanatolien. Um trotz der hohen Arbeitsbelastung im Betrieb für ihre Zufriedenheit zu sorgen, beschloss die Firma Ende der 1960er Jahre auf mehrheitlichen Wunsch der rund 1000 türkischen Mitarbeiter, eine Moschee zu errichten. Sie wurde unter anderem dadurch finanziert, dass die ohnehin weitgehend isoliert lebenden türkischen Belegschaftsmitglieder darauf verzichteten, an den jährlichen Betriebsausflügen teilzunehmen. Dadurch vergrößerte sich die Distanz zwischen türkischen und deutschen Kollegen noch zusätzlich. Außerdem sorgte der Moscheebau für Unmut unter der einheimischen Bevölkerung. Die umstrittene Frage nach dem Gebetsruf führte schließlich zu gerichtlichen Auseinandersetzungen, in denen sich weniger die kulturellen Unterschiede als solche ausdrückten, sondern vor allem die mangelnde Kommunikation und Verständigung zwischen Einheimischen und Zugewanderten. Da es zuvor eben nicht zu einer Begegnung als Mensch gekommen war, musste der Bau einer Moschee, in der sich für die Einheimischen das Fremde schlechthin manifestierte, als kulturelle Provokation erscheinen. Betreuungsinstitutionen als kulturelle Vermittlungsinstanzen? Im Rahmen der arbeits- und sozialrechtlichen Gleichstellung der ausländischen Arbeitnehmer betrachtete es die Bundesregierung auch als ihre Aufgabe, die soziale Eingliederung der„Gastarbeiter“ zu befördern. Im Falle der türkischen Migranten wurde diese Aufgabe nicht den christlichen Wohlfahrtseinrichtungen, also der Caritas oder dem Diakonischen Werk, sondern der überkonfessionellen Arbeiterwohlfahrt(AWO) übertragen. Im Bereich des Bergbaus wurde weiterhin die Revierarbeitsgemeinschaft für kulturelle Bergmannsbetreuung(REVAG) aktiv. Erste Bemühungen einer nach deutschen Vorstellungen organisierten Freizeitgestaltung schlugen allerdings fehl:„ Sie wollen gerne spielen, unsere Ausländer..., aber nicht nach den Spielregeln. Und sie wollen auch gerne singen, aber nicht als Gesangsverein“- so die erste Bilanz eines Mitarbeiters der REVAG. www.fes-online-akademie.de Seite 3 von 17
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