Druckschrift 
Kulturelle Begegnungen zwischen Konflikt und Synthese
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Karin Hunn Kulturelle Begegnungen zwischen Konflikt und Synthese Anmerkungen zur Geschichte der Einwanderung aus der Türkei Islam in der Bundesrepublik: Der schwierige Weg aus den Hinterhöfen die späten 1970er und die 1980er Jahre Der Familiennachzug aus der Türkei führte dazu, dass die türkische Wohnbevölkerung von 1973 bis 1980 um mehr als eine halbe Million zunahm. 1980 lebten rund 1,5 Millionen Türken in der Bundesrepublik. Damit änderte sich nicht nur die Sozialstruktur der türki­schen Migranten, sondern auch ihre sozialen, kulturellen und religiösen Bedürfnisse. Ge­rade was letztere betraf, fühlte sich lange Zeit weder die türkische noch die deutsche Re­gierung zuständig. Das galt beispielsweise für die Religionserziehung der Kinder, die rasch zur Domäne der seit Anfang der 1970er Jahre in Deutschland entstehenden Islami­schen Kulturzentren(IKZ) und der 1977 gegründeten Türkischen Union in Europa, besser bekannt unter dem Namen Milli Görüs(Nationale Weltsicht), wurde. Die IKZ verfolgten einen orthodox-islamischen Kurs und befanden sich genauso wie Milli Görüs, die der Nati­onalen Heilspartei Erbakans nahe stand, im Widerspruch zum Laizismus der Türkischen Republik. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass diese Organisationen nur einen Bruchteil der türkischen Migranten organisieren konnten. Die weit überwiegende Mehrheit hielt Dis­tanz und nahm deren Dienstleistungen nicht in Anspruch. Das verhinderte jedoch nicht, dass die islamistischen Organisationen das in den Medien vermittelte Bild von den türki­schen Migranten ausgesprochen negativ prägten. Gegenüber der bundesdeutschen Öffentlichkeit gaben sich die IKZ- anders als Milli Görüs - offen und sprachen sich für eine Zusammenarbeit mit deutschen Stellen aus. Interne Verlautbarungen jedoch spiegelten teilweise eine fundamentalistische Ausrichtung wider. Dass es ihnen trotzdem für einige Zeit gelang, die Unterstützung beispielsweise des nord­rhein-westfälischen Kultusministers zu erwerben, brachte das grundsätzliche Dilemma der bundesdeutschen Ausländerpolitik zum Ausdruck: Es fehlte an Information und Kompe­tenz, was sich auch darin widerspiegelte, dass die Bundesregierung erst 1978 einen Aus­länderbeauftragten bestellte. Dessen Amt wurde damals allerdings finanziell so dürftig ausgestattet, dass ihm lediglich eine Feigenblattfunktion zukam. Diese migrationspoli­tischen Defizite trugen dazu bei, dass die islamistischen Organisationen in der Bundesre­publik sehr frei agieren konnten. Gleichzeitig wiederum tendierte die deutsche Öffentlich­keit zu Überreaktionen, wie im Falle der Koranschulen, in denen bisweilen ein autoritärer Erziehungsstil gepflegt wurde. Ende der 1970er Jahre machten Schlagzeilen wie die fol­genden die Runde und sorgten geradezu für Hysterie: Stockschläge für türkische Kinder beim Lernen der Suren(Frankfurter Allgemeine, 1.6.1977) oder Mitten in Deutschland: Türken säen Haß in Kinder(Welt am Sonntag, 11.3.1979). Zutreffend war jedoch, dass www.fes-online-akademie.de Seite 10 von 17