Karin Hunn Kulturelle Begegnungen zwischen Konflikt und Synthese Anmerkungen zur Geschichte der Einwanderung aus der Türkei verstand und die für Immigrationsprozesse typische Entwicklung einer ethnischen und religiösen Infrastruktur unter den Migranten als äußerst besorgniserregend empfand. Warum aber entschlossen sich die türkischen Migranten nach dem Anwerbestopp von 1973 nicht in dem Maße wie die anderen einst angeworbenen„Gastarbeiter“ für eine Rückkehr? Die Ursachen sind vor allem in der schwierigen Wirtschaftslage in ihrer Heimat zu sehen und darin, dass sie angesichts ihrer vergleichsweise kurzen Aufenthaltsdauer ihre ohnehin oft unrealistischen Sparziele noch nicht erreicht hatten. In ihrem Fall hatte der Anwerbestopp eine geradezu kontraproduktive Wirkung, da er für Arbeitsmigranten aus Ländern außerhalb der Europäischen Gemeinschaft eine erneute Einreise in die Bundesrepublik unmöglich machte. Also warteten die meisten von ihnen zuerst einmal die weitere Entwicklung ab und ließen ihre noch im Heimatland lebenden Familienmitglieder nachkommen, wodurch nicht nur die Netzwerkbildung, sondern auch die soziale Kontrolle innerhalb der türkischen Communities weiter zunahm. Dass die„Gastarbeiter“ nicht wie erwartet bei einem Konjunkturabschwung in ihre Heimat zurückkehrten und ihre Zahl statt dessen noch anstieg, sorgte für beträchtliche Irritationen vor allem bei sozial schwachen Bevölkerungsschichten, die auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt mit den Ausländern konkurrierten. Koalitionen und Konfrontationen Zu Beginn der 1970er Jahre änderten sich nicht nur die Probleme, welche die Massenanwerbung ausländischer Arbeitnehmer nach sich zog, sondern auch die Maßnahmen und Bemühungen, um die„Gastarbeiter“ in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Die zunehmende Liberalisierung und Demokratisierung in den 1960er Jahren hatte generell eine Abkehr von paternalistischen Betreuungskonzepten bewirkt. Stattdessen sollten die „Gastarbeiter“ nun als„ausländische Mitbürger“ anerkannt werden. Dieser emanzipatorische Gedanke wurde vor allem von den nun entstehenden ausländerpolitischen Initiativen getragen, die im Vergleich zu den etablierten Wohlfahrtsverbänden meist innovativer waren. Auch die Gewerkschaften kümmerten sich zunehmend um die Belange der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familien. Das war unter anderem darauf zurückzuführen, dass sie eines der seltenen Foren boten, wo die Migranten ihre Interessen artikulieren und vertreten konnten.„ Das Fehlen anderer geeigneter Organisationsformen(z.B. politische Organisationen) zwingt sie“- so ein ehemaliger ausländischer Sekretär der IG Metall „ alle aus ihrer sozialen und politischen Not resultierenden Spannungen in die Gewerkschaften zu projizieren.“ Diese für die Gewerkschaften nicht einfach zu bewältigende Entwww.fes-online-akademie.de Seite 6 von 17
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