Karin Hunn Kulturelle Begegnungen zwischen Konflikt und Synthese Anmerkungen zur Geschichte der Einwanderung aus der Türkei politische Engagement der IG Metall führte allerdings dazu, dass sie zur Zielscheibe der ohnehin meist gewerkschaftsfeindlichen konservativen türkischen Parteien und Aktivisten wurde. Das wiederum erschwerte ihre Organisationsarbeit unter den türkischen Metallarbeitern und ihr Bemühen um deren betriebliche Integration. Ähnliches widerfuhr der AWO, die wegen ihrer sozialdemokratischen Ausrichtung und der bevorzugten Einstellung sozialdemokratisch orientierter Türken von der konservativen türkischen Regierung verdächtigt wurde, die Türken in der Bundesrepublik„kommunistisch“ zu indoktrinieren. Der DGB wiederum war bemüht, sich von parteipolitischen Auseinandersetzungen völlig fernzuhalten. 1978 entschied der Bundesvorstand, dass der DGB und die Gewerkschaften„ grundsätzlich nicht mit politischen Organisationen ausländischer Arbeitnehmer zusammen[arbeiten], da sie sich sonst in die politischen Auseinandersetzungen innerhalb der einzelnen Nationalitäten begeben.“ Wenngleich diese Entscheidung verständlich war, so verhinderte sie eben auch die Zusammenarbeit mit Organisationen, die sich- wie beispielsweise die kommunistische Föderation türkischer Arbeitnehmervereine- jenseits ihrer weltanschaulichen Verortung ganz konkret für die Anliegen von Migranten einsetzten. Nur eine Frage der Ehre? Am Beispiel des vom WDR 1975 produzierten Films Shirins Hochzeit kann die nicht nur politische, sondern auch kulturelle Distanz zwischen Deutschen und Türken, aber eben auch unter den Türken selbst, die keineswegs eine homogene Gruppe bildeten, illustriert werden. Helma Sanders, die Regisseurin, erzählt in diesem Film die Geschichte einer jungen Türkin, die ihr anatolisches Dorf verlässt und nach Köln geht, um dort den von ihr geliebten„Gastarbeiter“ Mahmut ausfindig zu machen. In der gleichermaßen unmenschlichen wie auch unmoralischen westdeutschen Großstadt widerfährt ihr ein Unglück nach dem anderen: Sie verliert ihren Job, wird von einem betrunkenen Angestellten vergewaltigt und endet schließlich als Prostituierte. Dieser Film, der in klischeehafter, sozialkritischer Manier einseitig von der Diskriminierung und Ausbeutung der„Gastarbeiter“ erzählt, stieß allerdings unter den türkischen Migranten auf heftigen Widerspruch. Manche von ihnen sahen„ die Ehre der türkischen Mädchen mit Füßen getreten, die Mentalität, Sitten und Gebräuche der Türken lächerlich gemacht“- wie ein türkischer Gewerkschaftssekretär die heftige Reaktion einiger seiner Landsleute erklärte. Mit einer Demonstration in der Kölner Innenstadt protestierten sie gegen diese vermeintliche Beleidigung türkischer Frauen und der türkischen Kultur. Die linksliberale Zeitung Milliyet hingegen, die ein ausführliches Interview mit Sanders brachte, stand dem Film, der ja in erster Linie die Verhältnisse in Deutschland kritisierte, aufgeschlossen gegenüber- wie wohl auch die meisten der allerwww.fes-online-akademie.de Seite 8 von 17
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