Karin Hunn Kulturelle Begegnungen zwischen Konflikt und Synthese Anmerkungen zur Geschichte der Einwanderung aus der Türkei Die AWO, welche sich anders als die Caritas oder die Diakonie wegen ihrer überkonfessionellen Ausrichtung nicht um die religiöse Betreuung der muslimischen Migranten kümmern konnte, war neben einer möglichst flächendeckenden Beratung ebenfalls um eine sinnvolle Freizeitgestaltung bemüht. Sprachkurse, Aufklärung über die sozialen Verhältnisse in Deutschland, die Einrichtung von Freizeitheimen und die Gründung von türkischen Arbeitnehmervereinen sollten dazu dienen, ihnen beim Einleben zu helfen und das häufig beklagte Heimweh und die erlittenen Enttäuschungen zu mildern. Die Vereine hatten insbesondere die Funktion, den sozial isolierten Türken neben den häufig aufgesuchten Bahnhöfen eine Anlaufstelle zu bieten und den Kontakt zur deutschen Bevölkerung zu erleichtern. Ein weiteres Ziel war die Pflege der türkischen Kultur, die unter anderem dazu dienen sollte, die„Rückkehrfähigkeit“ der Migranten aufrechtzuerhalten. Die organisatorisch von der AWO unabhängigen Vereine entwickelten sich jedoch Ende der 1960er Jahre unter dem Einfluss der damaligen türkischen Regierung zunehmend zu„Club[s] der Konservativen“- wie es der Leiter des türkischen Büros beim DGB formulierte- oder gerieten unter den Einfluss geschäftstüchtiger Vorsitzender, die sich mit dem Verkauf von Flugtickets, Versicherungen und ähnlichem finanziell bereichern wollten. Zu einem Forum für einen deutsch-türkischen Austausch oder Dialog wurden sie jedenfalls nicht, was wohl Anfang der 1970er Jahre auf die meisten Kultur- und Freizeitzentren für türkische Migranten zutraf. Diese seien, so meinte ein Mitarbeiter der AWO 1973 ernüchtert,„im günstigsten Fall“ zu kulturellen Ghettos, nicht aber zu Begegnungsstätten mit Deutschen geworden. „ Die Türken kommen- rette sich, wer kann“ – die 1970er Jahre - so lautete eine Schlagzeile im Spiegel im Juli 1973. Mit aufgeregtem Alarmismus reagierte die Zeitschrift auf eine Entwicklung, die bereits Ende der 1960er Jahre einsetzte: Die zumeist„lediggehenden Gastarbeiter“ begannen ihre Familienangehörigen nachzuholen und aus den in der Nähe der Produktionsstätten gelegenen Massenunterkünften in die sanierungsbedürftigen, weil billigen Wohnviertel der Städte zu ziehen. Die türkischen Migranten, seit 1971 die größte Ausländergruppe in Westdeutschland, traten nun nicht mehr nur als meist männliche Arbeitskräfte, sondern als Familien, Mieter, Nachbarn und Schüler in Erscheinung. Im Gegensatz gerade zu den italienischen Migranten, deren Wahrnehmung sich in den 1960er Jahren durch den touristischen Blick zahlreicher westdeutscher Italienreisender positiv gewandelt hatte, erschienen die Türken häufig als unangenehm fremd. Die Frankfurter Rundschau berichtete im Januar 1973, dass die Türken in West-Berlin meist„ in gettoartiger Abgeschlossenheit“ lebten,„ gemieden von den deutwww.fes-online-akademie.de Seite 4 von 17
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