Karin Hunn Kulturelle Begegnungen zwischen Konflikt und Synthese Anmerkungen zur Geschichte der Einwanderung aus der Türkei wurde. Als neuere Ergebnisse dieses Dialoges können die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Januar 2002 angesehen werden, die Muslimen in Deutschland das Schächten erlaubt, sowie die geplante Einrichtung eines Lehrstuhles für Islamische Theologie an der Universität Münster. Dort sollen erstmals in Deutschland Lehrer für den Islamunterricht ausgebildet werden- eine längst überfällige und sicherlich zukunftsweisende Entscheidung. Zwischen zwei Kulturen? – die 1990er Jahre Spätestens Mitte der 1980er Jahre war klar geworden, dass die einst angeworbenen Arbeitsmigranten zu einem großen Teil auf Dauer in der Bundesrepublik bleiben würden. Wenngleich viele von ihnen daran festhielten, eines Tages- und sei es als Rentner- in ihre Heimat zurückzukehren, so stellte Deutschland doch mittlerweile ihren Lebensmittelpunkt dar. Ein Großteil ihrer Kinder war hier geboren und wuchs hier auf und die strukturelle Angleichung an die Mehrheitsgesellschaft war im Fortschreiten begriffen. Die ehemaligen„Gastarbeiter“ hatten den Konsumverzicht der Anwerbejahre aufgegeben und ihre Wohnsituation verbessert, sie schlossen Bausparverträge und Lebensversicherungen ab und eine wachsende Zahl von ihnen machte sich selbständig. Ausländerpädagogische und soziologische Forschungsprojekte, die sich mit der„Problemgruppe“ Türken befassten, spiegelten indirekt wider, dass diese nun als Teil der deutschen Gesellschaft betrachtet wurden. Vor allem aber trugen sie zu einer differenzierteren Wahrnehmung der Einwanderer aus der Türkei bei, deren Lebensstile und Einstellungen je nach Herkunft und Bildungsgrad stark variierten. 1985 beispielsweise berichtete die Bonner Rundschau:„ Lebensstil türkischer Familien überrascht die Soziologen“ und der General-Anzeiger gestand 1987 ein:„ Unsere Klischeevorstellung von der türkischen Familie stimmt nicht“. Auch die Gründung des Zentrums für Türkeistudien in Essen im Jahre 1985, das Kenntnisse über die Einstellungen, Lebens- und Konsumgewohnheiten sowie die wirtschaftliche Aktivitäten der Migranten erkunden und vermitteln wollte, war ein institutioneller Ausdruck dessen, dass die Türken bei all ihrer Unterschiedlichkeit in der Bundesrepublik angekommen waren. Das wurde sicherlich nicht von allen so gesehen oder akzeptiert- auch nicht, was die Türken selbst betraf, von denen viele dem Rückkehrmythos verhaftet blieben. Zugleich aber hatte sich unter ihnen ein neues Selbstbewusstsein als Einwanderer ausgebildet, wie die wachsende Zahl türkischer Interessenorganisationen zeigte. Ihr Schwerpunkt lag mittlerweile eindeutig auf der Verbesserung ihrer sozialen und rechtlichen Lage in der Bundesrepublik. Eine von ihnen war die Türkische Gemeinde Hannover und Umgebung (TGH), welche zu Beginn der 1980er Jahre die Strategie einer„ Integration durch Organiwww.fes-online-akademie.de Seite 13 von 17
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