Christoph Marx Fundamentalismus und Nationalstaat Fundamentalismus und Nationalstaat Christoph Marx Kaum ein Terminus erfreut sich derzeit so großer Verbreitung in der Öffentlichkeit wie „Fundamentalismus“. Er ist geradezu zu einer Kampfvokabel geworden, die höchst unterschiedlichen Vertretern intoleranten Denkens und Verhaltens entgegengeschleudert wird, ökologischen Utopisten ebenso wie religiösen Innovatoren, kirchlichen Konservativen wie dogmatischen Marxisten. Ein solch inflationärer Gebrauch nimmt jedoch einem Terminus jegliche Trennschärfe. Die darauf zurückzuführende Ablehnung durch viele Fachwissenschaftler ist zwar angesichts der projektiven Aufladung des Wortes Fundamentalismus nur zu gut nachvollziehbar, begibt sich aber gleichzeitig einer Chance, nämlich der des Vergleichs. Der Begriff des Fundamentalismus lässt sich auf der einen Seite gerade durch den interkulturellen Vergleich von kulturalistischen Klischees befreien, die vor allem den Islam betreffen; gleichzeitig ist er ein Begriff, mit dem sich religiöse Phänomene der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit in komparativer Form erfassen lassen. Der Behauptung eines komparativen Potentials des Begriffs Fundamentalismus wird häufig, insbesondere von islamwissenschaftlicher Seite, der christliche Ursprung des Wortes Fundamentalismus entgegengehalten. Auch wenn der Begriff abgeleitet ist von der Buchreihe„The Fundamentals“, mit der sich militant-konservative Evangelikale in den USA im frühen 20. Jahrhundert eine kodifizierte Grundlage zu legen hofften, spricht dies keineswegs gegen eine generalisierte Verwendbarkeit des Begriffs. In diesem Fall erweist sich die öffentliche Diskussion und ihr semantisches Verständnis von Fundamentalismus als „Rückkehr zu den Fundamenten“ durchaus als produktives Missverständnis. Denn in der Tat zeichnen sich die religiösen Massenbewegungen der jüngeren Vergangenheit, die gewöhnlich mit dem Attribut„fundamentalistisch“ belegt werden, durch eben diese für ihr Selbstverständnis zentrale„Rückkehr zu den Fundamenten“ aus, und zwar unter Ausschaltung etablierter Priesterschaften oder anderer religiöser Spezialisten, bei gleichzeitig erhobenem generellen und universalen Geltungsanspruch. Fundamentalismus unterscheidet sich außerdem von anderen religiösen Strömungen durch seine totalitäre Ausrichtung, indem er alle Lebensbereiche erfassen will, denn er betrachtet alle Probleme als durch eine Weltformel – Gott und sein Wille – lösbar. Dieser Begriffsverwendung fehlt jedoch die historische Dimension. www.fes-online-akademie.de Seite 1 von 11
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