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Fundamentalismus und Nationalstaat
Entstehung
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Christoph Marx Fundamentalismus und Nationalstaat Fundamentalisten treten also dann auf, wenn die Modernisierung in eine meist ökonomi­sche und soziale Krise gerät, d.h. wenn keines der vorhandenen Angebote der Moderni­sierungsförderung und-steuerung verspricht, dass die Entwicklung wieder Fahrt gewinnt und in absehbarer Zeit einer wachsenden Anzahl von Menschen zugute kommt. Dies im­pliziert wiederum, dass der Fundamentalismus keineswegs per se antimodernistisch ist, sondern eine Reaktion auf eine Modernisierung darstellt, die außer disruptiven Wirkungen auf das soziale Gefüge keine spürbaren Verbesserungen der Lebensumstände der meis­ten Menschen mit sich gebracht hat. Der Fundamentalismus versteht sich als eine Moder­nisierung mit anderen Mitteln, in der Form eines Rückgriffs auf verschüttete,wahre kultu­relle Traditionen, die einen eigenen Weg zur Modernisierung sichtbar werden lassen. Darum sind Fundamentalisten besonders in solchen Staaten erfolgreich, in denen es zu­vor Versuche gab, angestrebte Umgestaltungen der Gesellschaft durch den Staat mit der eigenen kulturellen Tradition zu verknüpfen, etwa in Form desarabischen Sozialismus. Es ist kein Zufall, dass gerade in Ländern wie Ägypten oder Algerien, in denen der säku­lare Nationalismus sich emphatisch auf sozialistische Modelle dieser Art stützte, der Fun­damentalismus Massenzulauf erhält. Dies gilt auch für Israel, das bis 1977 von den Sozia­listen der Arbeiterpartei regiert und durch einen säkularen, sozialistischen Zionismus ge­radezu seine Daseinslegitimation als Staat erhielt, bis sich dieverschüttete Alternative eines religiös geprägten, großisraelischen Nationalismus im Schlepptau des triumphieren­denRevisionismus von Begin dagegen durchzusetzen begann. Seit dieser Zeit, als das Erklärungs- und Legitimationsmonopol des sozialistischen Zionismus gebrochen wurde, ist der jüdische Fundamentalismus in einer ganze Reihe von Spielarten auf dem Vormarsch. Die USA als Sonderfall? Die Orientierung am Sozialstaat, ein gescheiterter Nationalismus und ein antiimperialisti­scher Affekt treffen allerdings augenscheinlich nicht auf eines der wichtigsten Beispiele des Fundamentalismus zu, nämlich den christlichen Fundamentalismus in den USA. Dort kann es zudem kein Bedürfnis geben, sich von der kulturellen Übermacht durch ehemalige Kolonialmächte oder gegen einenNeokolonialismus zur Wehr zu setzen. Gleichwohl fin­den sich viele Züge des Fundamentalismus, die in der postkolonialen Welt Afrikas und Asiens sichtbar werden, auch hier wieder. Im Fall der USA bestand und besteht neben dem säkularen Nationalismus ein religiöses Identitätsangebot, das sich in der Form eines puritanischen Auserwähltheitsbewusstseins äußert. In der Wahrnehmung der Fundamen­talisten ist die Entwicklung der USA in den letzten hundert Jahren durch ein zunehmendes Zurückdrängen der religiösen Grundlagen und eine fortschreitende Säkularisierung des Staates gekennzeichnet. Darauf reagieren sie mit einer Betonung der religiösenFunda­www.fes-online-akademie.de Seite 6 von 11