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Fundamentalismus und Nationalstaat
Entstehung
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Christoph Marx Fundamentalismus und Nationalstaat Staates vorzuführen und den wirklich starken, weil religiös begründeten Nationalstaat zu schaffen. Damit erhält der religiös aufgeladene Nationalismus seine Verheißungskraft zurück und der Staat wird aufs Neue mit Erwartungshaltungen belegt. Aus diesem Grund greifen die Fundamentalisten oft mit großer Brutalität das Gewaltmonopol des Staates an, um seine Handlungs- und Schutzunfähigkeit unter Beweis zu stellen. Ziel ist die Entlegiti­mierung des Staates durch Terror. Fundamentalismus und Nationalstaat Der Fundamentalismus tritt überall dort auf, wo in der Formationsphase des Nationalismus eine religiöse Alternative zum säkularen Nationalismus bestand, die in den Folgejahren jedoch an Bedeutung verlor und nun eine Wiederbelebung erfährt. In all den Ländern, in denen heute der Fundamentalismus Hochkonjunktur hat, wurde die religiöse Variante von ihrem säkularen Gegner zur Seite gedrängt und häufig mit massiver Repression ausge­schaltet, wobei sie aber als verfolgte, martyrisierte Bewegung weiterhin ein marginalisier­tes, oft ein Untergrund-Dasein führte. Fundamentalistische Massenbewegungen sind zu verstehen als ein Wiederaufstieg einer abgedrängten, heterodoxen Form des Nationalis­mus, die ihrerseits ältere, heterodoxe religiöse Bewegungen und Vorstellungen aufnimmt und absorbiert: Die Absatzbewegung von den herrschenden Zuständen wird schärfer, das eigenständige Profil deutlicher, das Heilsversprechen plausibler. Fundamentalismus tritt auch dort auf, wo starke religiöse Impulse in die ursprüngliche Arti­kulation dessen eingingen, was unter Nation zu verstehen ist, wo diese Impulse aber in späteren Phasen des Nationalstaates an Bedeutung verloren und durch säkulare Formen des Nationalismus verdrängt wurden, wie z.B. in den USA. Als verschüttete Alternativen können sie reaktiviert und gegen den säkularen Nationalismus mobilisiert werden, gerade deswegen, weil sie viele Punkte aus dessen Programm vertreten. Besonders deutlich wird dieser Prozess in Israel, wo sich seit dem Sechstagekrieg 1967 ein Wiederaufstieg der religiösen Alternative zum säkularen Zionismus vollzieht. Ziel der fundamentalistischen Bewegungen ist es, mit Hilfe der staatlichen Macht die israelische Gesellschaft in eine theokratische Ordnung umzuwandeln. Gesellschaften, für die Religion zu Beginn der Konstituierung ihres Nationalstaates nur eine untergeordnete Rolle spielen konnte, etwa die deutsche mit ihrer konfessionellen Spaltung oder die französische, wo der Laizismus geradezu konstitutionellen Charakter erhielt, sind gegen fundamentalistische Strömungen weitaus resistenter. Allerdings ist der Zeitfaktor von nicht zu unterschätzender Bedeutung, wie das Beispiel der laizistischen Türkei zeigt, wo im Vergleich zu Frankreich die religiöse Alternative viel deutlicher im kol­www.fes-online-akademie.de Seite 4 von 11