Christoph Marx Fundamentalismus und Nationalstaat glauben, deswegen auf handlungspraktische Programme verzichten zu können. Sie ziehen sich zurück auf allgemeine religiöse Normen und wiegen sich in der Illusion, aus der Rückgängigmachung der Säkularisierung und Gottvertrauen ergäben sich die Lösungen aller anstehender Probleme. Sobald der Fundamentalismus an der politischen Macht beteiligt ist, offenbart er seine praktische Unbedarftheit. Zudem wird die Anziehungskraft des Fundamentalismus überschätzt, denn vielen Menschen bleibt oft keine Alternative, als sich fundamentalistisch zu gebärden, solange Fundamentalisten die einzigen sind, die ihnen soziale Leistungen anbieten. Das bedeutet aber nicht, dass sie tatsächlich konvertieren und vom Fundamentalismus auch ideologisch überzeugt sind. Es wäre ein Fehler, aus dem oft spektakulären Auftreten der Fundamentalisten auf eine Unausweichlichkeit ihrer Machtübernahme zu schließen, als ob diese aus der zunehmenden Zahl verelendeter Massen automatisch resultierte. Der Ausnahmeerfolg der islamischen Revolution im Iran zeigt, dass er nur zustande kommen konnte, weil der Fundamentalismus gewissermaßen auf der Woge einer politischen und sozialen Revolution„geritten“ ist und sich deren Energien zunutze machen konnte. Es gibt konkurrierende Bewegungen mit ganz anders orientierten Ideologien(man denke an die PKK), die sich der verelendeten Menschen mit Erfolg annehmen, was die Vermutung nahe legt, dass die Bevölkerung ihrerseits die Fundamentalisten instrumentalisiert. Die Fundamentalisten bilden überdies selten eine einheitliche Gruppe, sondern sie sind in ideologischen und anderen Fragen tief gespalten und untereinander verfeindet. Die Erfolgsaussichten der Fundamentalisten hängen von den Fähigkeiten anderer sozialer Gruppen, in erster Linie der politisch führenden Schichten, ab, eigene Alternativen zum Status quo zu entwickeln und die Strukturen dahingehend zu verändern, dass der Mehrzahl der Bürger eine bessere Zukunft auf einem anderen als dem fundamentalistischen Weg plausibel erscheinen könnte. Der Aufschwung des Fundamentalismus in einigen islamischen Ländern ist weniger durch die fanatisierende Wirkung„des Islams“ verursacht, an die viele Europäer hartnäckig glauben, sondern hat seine eigentliche Ursache in der weitgehenden Abwesenheit demokratischer Institutionen und Verfahren in diesen Ländern. Darum ist eine Alternative zum Fundamentalismus immer gegeben: Sie liegt in größerer Transparenz staatlichen Handelns und in einer Demokratisierung des öffentlichen Lebens, ohne dass diese notwendig mit dem Import westlicher Werte verknüpft sein muss. Christoph Marx ist Professor für Außereuropäische Geschichte in Essen www.fes-online-akademie.de Seite 10 von 11
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