Christoph Marx Fundamentalismus und Nationalstaat mente“. Hier ist ebenfalls ein Bewusstsein der„Überfremdung“ am Werk, allerdings einer Binnenüberfremdung der wahren amerikanischen Werte durch eine„dekadente“ Ostküstenoberschicht. Der protestantische Fundamentalismus ist die Antwort einer Bevölkerung, die sich selbst als durch Minderheitenschutz und„political correctness“ marginalisierte Normalamerikaner betrachtet und nun mit einer Besinnung auf die angeblichen wahren Werte Amerikas reagiert, so dass auch in diesem Fall Egalitätsvorstellungen, Nationalismus und Religion in enger Verkoppelung auftreten. Da der protestantische Fundamentalismus in den ärmeren Regionen des Landes, im„Bible-Belt“ der Südstaaten, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg einen Urbanisierungsschub erlebten, verwurzelt ist, könnte hier sogar eine Reminiszenz der verschütteten Alternative des Konföderatismus am Werke sein. Der feindliche Zentralstaat erfüllt in den USA die analoge Funktion wie der Imperialismus bzw. Neokolonialismus bei den Fundamentalisten postkolonialer Gesellschaften. In verschiedenen Fällen, neben den USA etwa Indien oder Ägypten, sind es ebenfalls Majoritätsbevölkerungen, aus deren Reihen der Fundamentalismus Zulauf erhält, indem dem Staat eine einseitige Bevorzugung von Minderheiten vorgeworfen wird. Der Fundamentalismus blüht demnach unabhängig davon, ob es sich um„periphere“ oder„zentral“ positionierte Gesellschaften innerhalb des„kapitalistischen Weltsystems“ handelt. Im Mittelpunkt steht die Wahrnehmung der Dekadenz, wobei von sekundärer Bedeutung bleibt, ob diese Dekadenz importiert oder hausgemacht(USA, westliche Länder) ist. Entscheidend ist, worauf diese Dekadenz und der moralische Verfall zurückgeführt werden, nämlich auf einen Rückfall ins Heidentum. Traditionsbruch als Kennzeichen des Fundamentalismus Indem die Staatseliten als Ungläubige, als Neuheiden verworfen werden, werden sie angreifbar. Auf diese Weise können, wie etwa in den USA, Formen eines konstitutionellen Grundkonsenses aufgekündigt werden. Der sunnitische Islam verbietet seinen Anhängern ausdrücklich, andere Muslime zu töten. Die Antwort der Fundamentalisten besteht darin, denjenigen, die sie zu töten beabsichtigen, zuvor den Status von Muslimen abzusprechen. Der Ägypter Sayyid Qutb, einer der wichtigsten Ideologen des islamischen Fundamentalismus, vertrat die Ansicht, dass ein Großteil der islamischen Tradition, alles, was nach der Frühzeit des Propheten und der ersten vier Kalifen entstanden war, einen Rückfall ins Heidentum darstellte. Durch die Radikalität dieses Bruchs mit herkömmlichen Geschichtsbildern kann sich die suggestive Kraft der Neudefinition der ‚wahren Moslems’ entfalten, indem die religiösen Autoritäten für irrelevant erklärt werden und die Fundamentalisten das Recht für sich beanspruchen, zu bestimmen, wer ein Gläubiger ist und wer nicht. Der Bruch mit der Tradition ist ein Bruch mit den religiösen und weltlichen Autoritäten. Diese www.fes-online-akademie.de Seite 7 von 11
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