Christoph Marx Fundamentalismus und Nationalstaat Fundamentalismus und Moderne Historisch gesehen ist der Fundamentalismus auf den modernen Nationalstaat ausgerichtet, eine kulturnationalistische Massenbewegung, die Kultur und Religion in einem nationalistischen Sinn manipuliert und den Begriff der Nation zwar transformiert, aber keineswegs überwindet. Auch wenn der Fundamentalismus den Nationalismus angreift, ist er seinerseits doch so stark an dessen Denkbildern und Mobilisierungstechniken, an Geschichtsmythen und Massenpropaganda orientiert, dass er in vielerlei Hinsicht als eine Neuformulierung des Nationalismus aufgefasst werden kann. Durch die Orientierung auf den modernen Nationalstaat in seinem gleichzeitigen Selbstverständnis als Sozialstaat sind fundamentalistische Bewegungen als moderne Massenbewegungen zu verstehen. Fundamentalisten zeichnen sich durch den Bruch mit der Tradition aus. Als religiöse Massenbewegungen sind sie in aller Regel Laienbewegungen und gegen vom Klerus getragene Auslegungstraditionen gerichtet. Für Fundamentalisten ist folglich kennzeichnend, dass nicht nur ihre Mittel, sondern auch die Ziele modern sind, wobei unter„modern“ und„Modernisierung“ die Abwendung von Tradition und die Hinwendung und Ausrichtung auf urbanisierte, mobile, zumindest teilweise industrialisierte Gesellschaftsformen zu verstehen sind, deren politisches System eine Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten vorsieht. Die verbreitete Kennzeichnung insbesondere des islamischen Fundamentalismus als„reaktionär“ beruft sich darauf, dass sich dessen Anhänger auf Glaubensinhalte und Werte bezögen, die aus einer lange zurückliegenden Epoche stammten und darum den damaligen sozialen Realitäten eng verbunden seien. Ihre Wiederbelebung wird von westlichen Kommentatoren als„rückwärtsgewandt“ erkannt und negativ bewertet, während kaum ein westlicher Autor auf den Gedanken käme, ein Bekenntnis zum Urchristentum, dessen Gemeinschaftsforderungen häufig in ähnlicher Weise wie die frühislamische Zeit mythisch verklärt werden, als„reaktionär“ zu denunzieren. Man darf aber die„ewigen Wahrheiten“ und die Werte, auf die sich die Fundamentalisten beziehen, weder mit der sozialen Realität einer vergangenen Epoche verwechseln, noch sollte man ihnen unterstellen, dass sie diese auf die heutige Zeit übertragen wollen. Die Argumentation der Fundamentalisten geht vielmehr dahin, dass der Glaube an die„ewigen Werte“ des Islam/Christentums/Judentums eine harmonische, solidarische Gesellschaftsform hervorgebracht habe. Ein Leben nach diesen Werten könne darum auch aus der heutigen Krise führen und den Aufbau einer gerechten Gesellschaftsordnung ermöglichen. www.fes-online-akademie.de Seite 2 von 11
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