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Fundamentalismus und Nationalstaat
Entstehung
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Christoph Marx Fundamentalismus und Nationalstaat lektiven Gedächtnis erhalten bleiben konnte und die über lange Zeit abweisende Haltung der EU einer Umorientierung Vorschub leistete. Wenn man Fundamentalismus wirklich verstehen will, muss man Religion als Weltbild, als identitätsstiftendes Muster, als Bestandteil der Kultur untersuchen und nicht die religiösen Impulse unter theologischen Gesichtspunkten betrachten. Kennzeichnend für den Prozess der Herausbildung von Fundamentalismus ist das Ziehen von Grenzen gegenüber der Umwelt, d.h. anderen Religionen, Konfessionen oder Abweichlern vomrechten Weg bei gleichzeitiger umfassender Homogenisierung des eigenen Bestandes an Dogmen, Ri­tualen und Gemeinschaftsformen. Das Hauptmittel, das sich in allen Fundamentalismen findet, um diese Grenzen zu bestimmen, ist die Neudefinition des Gläubigen und die De­nunzierung derAnderen als Heiden. Homogenisierung nach Innen und Abgrenzung nach Außen mit den Mitteln kulturellerMarksteine gehören daher funktional zusammen. Nicht ohne Grund legen Fundamentalisten auf den rituellen Charakter, auf Zeremonien, Kostü­mierungen, Abzeichen etc. so großen Wert, weil sie Ausweis einer kulturellen Gemein­schaft sind. Das, was für die Elite der Ausweis von Modernität ist, nämlich ihr westlicher Lebensstil, ist für die Fundamentalisten Signum von Verrat und Dekadenz. Dem setzen sie das in Kleidung, Verhalten und vielen anderen Kennzeichen zur Schau getragene Be­kenntnis derwahren Religion(und Kultur) entgegen. Fundamentalismus und Sozialstaat Der Utopismus des Fundamentalismus liegt nicht in der angeblich angestrebten Wieder­herstellung vergangener Zustände, sondern vielmehr im Verlangen nach sozialer Gleich­heit. In den Diskursen des Fundamentalismus findet sich viel Kapitalismuskritik. Für die Fundamentalisten sind die Eliten Kollaborateure und Ausführungsgehilfen der Machen­schaften der kulturell fremdenImperialisten. Fundamentalisten sind geneigt, im Imperia­lismus das höchste Stadium des Kapitalismus zu sehen und bauen diese Argumentation in eine kulturelle Konfrontation und in ein eschatologisches Geschichtsbild ein. Darum profi­tiert der Fundamentalismus vom Niedergang seiner Alternativen: Die Desillusionierung durch den säkularen Nationalismus und das Scheitern sozialistischer Umgestaltungsver­suche kennzeichnen den Übergang von hochfliegenden, utopiegesättigten Modernisie­rungstheorien in den schalen Alltag von Katastrophenhilfe und mühsamer Sicherung der Grundversorgung. Fundamentalismus erfüllt die Doppelfunktion einer Erneuerung des utopischen Versprechens, der Alternative zum aussichtslosen Dahinleben im Elend einer­seits und der Erzeugung von Feindbildern, die die Mobilisierung potentieller Anhänger er­leichtern, andererseits. www.fes-online-akademie.de Seite 5 von 11