Christoph Marx Fundamentalismus und Nationalstaat Funktionen des Sozialstaats in Form eigener Versorgungsnetze für ihre Anhänger an sich ziehen. Daraus resultiert die eigentliche Überzeugungskraft des Fundamentalismus, der im Alltagsleben vorführt, dass seine Institutionen besser funktionieren als die des doch scheinbar so viel mächtigeren Staates. Davon geht eine starke Suggestionskraft aus: Nur die Rechtgläubigen können, eben weil sie rechtgläubig sind, eine vernünftige Ordnung herstellen; nur die wahren Gläubigen sind in der Lage, einen funktionsfähigen Sozialstaat und Wohlstand für die Masse der Bevölkerung zu garantieren. Die Ordnung, die sie anstreben, ist darum erfolgreich, weil sie Gottes Wort folgt. Die Suggestion wird verstärkt durch die verbale Propaganda der Fundamentalisten, der zu Folge der Staat wegen des Nepotismus und der falschen Gesinnung seiner politischen Klasse, sowie wegen des imperialistischen Einflusses seinen Versorgungsaufträgen nicht nachkommen kann. Die Abgrenzung der rechtgläubigen In-Group von den Ungläubigen oder Häretikern wird so vollzogen, dass Versorgungsleistungen von einem Bekenntnis zum Fundamentalismus abhängig gemacht werden. Auf der Grundlage umfassender Versorgungsnetzwerke, die in sozialstaatlicher Fürsorge das Alltagsleben entlasten und regulieren, wird ein Leben außerhalb der nationalstaatlichen Gesellschaft möglich. Bei den Versorgungseinrichtungen handelt es sich gerade nicht um eine„Nischenexistenz“ der Fundamentalisten, sondern um Wachstumspunkte, von denen aus sie zum Generalangriff auf den Staat rüsten. Denn Ziel bleibt die Eroberung der staatlichen Macht, da nur der Staat die Neuordnung der Gesellschaft nach fundamentalistischen Vorgaben durchführen kann. Der Fundamentalismus schafft eine funktionierende Gegengesellschaft, die sich von der nationalen abgrenzt, aber als missionierende ständig in ihr tätig ist. Es entsteht auf diese Weise ein funktionierender Sozialstaat innerhalb und gleichzeitig jenseits eines zunehmend paralysierten, ressourcenschwachen Staates, in dem darum die Korruption und Bereicherung der Staatseliten besonders auffällt. Notleidenden Menschen, die sich zum Fundamentalismus bekennen und Zugang zu dessen Versorgungsleistungen erhalten, geht es ungleich besser als dem Rest der Bevölkerung, der auf die oft ausbleibende Staatshilfe angewiesen ist. Die Schwäche des Fundamentalismus Wenn die funktionierende Gegengesellschaft das Erfolgsgeheimnis des Fundamentalismus ist, um eine Massenmobilisierung zu erreichen, dann liegt darin, längerfristig gesehen, der Schlüssel zur Erklärung seiner Schwäche. Denn sobald er die Macht erlangt hat und die sozialstaatliche Grundversorgung ebenso wenig leisten kann wie die alten Führungseliten, verliert er an Attraktivität, wie das Beispiel Iran offenbart. Diese Unfähigkeit liegt unter anderem im Rekurs auf„ewige Werte“ begründet, denn die Fundamentalisten www.fes-online-akademie.de Seite 9 von 11
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten