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Fundamentalismus und Nationalstaat
Entstehung
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Christoph Marx Fundamentalismus und Nationalstaat Aufkündigung eines Grundkonsenses, durch den die religiöse Identität bis dahin bestimmt war, und die damit verbundene Neuinterpretation der Geschichte sind von weitreichender Bedeutung und keineswegs ein islam-spezifisches Phänomen. Sie finden sich in geradezu analoger Weise auch im Judentum und im Christentum. Es gibt auch ähnliche Ansätze im nicht-muslimischen Indien. Neben dem totalitären Anspruch ist der Traditionsbruch das wichtigste Kennzeichen des Fundamentalismus auf der Ebene der Ideologie. Netzwerke und Gegengesellschaften Da fundamentalistische Bewegungen soziale Bewegungen sind, ist die Analyse ihrer ge­sellschaftlichen Basis unerlässlich. Die soziale Basis des Fundamentalismus ähnelt in starker Weise der des modernen Nationalismus, wie ein Blick auf die herausgehobene Rolle der Intellektuellen zeigt: Sie stehen im Mittelpunkt und an der Spitze aller funda­mentalistischen wie auch der nationalistischen Bewegungen. Ihre Zentren sind die Hoch­schulen und Schulen, ihre wichtigsten Aktivisten sind Hochschulabsolventen, Freiberufler, Ingenieure, Journalisten. Viele der Propagandisten fundamentalistischer Bewegungen wa­ren ursprünglich Anhänger der westlichen Kultur. Die Ursache der Konversion dieser In­tellektuellen zu rigiden geschlossenen Ideologien lässt sich in der enttäuschten Hoffnung auf einen sozialen Aufstieg innerhalb der bestehenden Gesellschaft finden. Mobilisierende Impulse bezieht der Fundamentalismus aus der Erfahrung der fehlenden Chancengleich­heit, die eine wachsende Zahl von Menschen, vor allem jüngere, machen muss. Dem von den Staatseliten vertretenen Leistungsgrundsatz wird der vom Staat einzulösende An­spruch auf Gleichstellung entgegengesetzt, einem sozialdarwinistischen Ausleseprinzip werden Vorstellungen einer egalitären Volksgemeinschaft der Rechtgläubigen kontrastiert. Die Epizentren fundamentalistischer Bewegungen liegen in den Städten, was einmal mehr auf ihren modernen Charakter hinweist. Neben den sozialen Netzwerken machen sich die Fundamentalisten alle erreichbaren Kommunikationsmedien und technischen Mittel zu­nutze, vom Internet über Handies bis hin zu den fast traditionellen Druckmedien. Khomei­nis rascher Aufstieg zumRevolutionsführer war nur dadurch möglich, dass seine Pre­digten jahrelang auf vervielfältigten Kassetten ins Land geschmuggelt worden waren. Die protestantischen Fundamentalisten gründen in den USA genau wie die islamischen und jüdischen Fundamentalisten in ihren Ländern eigene Schulsysteme, die eine Alternative zum säkularen Schulunterricht des Staats bilden sollen. An den ungelösten Versprechungen von Egalitätschancen, womit auch die allgemeine Hebung des Lebensstandards gemeint war, setzen die Fundamentalisten in ganz prakti­scher Weise an, indem sie sich die Alltagssorgen der Menschen zu eigen machen und die www.fes-online-akademie.de Seite 8 von 11