Die gesellschaftliche Akzeptanz von Rechtsextremismus und Gewalt Ergebnisse einer Repräsentativbefragung(November 2000) Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. Dezember 2000 Test der Reflexe Von Jürgen Kaube Eine Studie empirischer Sozialforscher hat, von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegeben, in der Mitte der deutschen Gesellschaft rechtsextreme Ansichten festgestellt. Überall, in den Ober-, den Unter- und auch den Mittelschichten, die zusammen vermutlich jene Mitte bilden, sind danach autoritäre Einstellungen und Abwehrhaltungen gegenüber „Ausländern“ verbreitet. Wie man diesen Befund erhielt? Auf ebenso sinnlose wie reflexhaft verständliche Sätze – zum Beispiel„Deutschland braucht eine starke Hand“ oder„Die Deutschen haben eine Reihe von guten Eigenschaften, die andere Völker nicht haben“ – verwies eine Mehrheit der Befragten den Forschern nicht die Tür, sondern stimmte„voll und ganz“ oder„eher“ zu. Eher. Deutschland braucht eher eine starke Hand. Das stimmt in der Tat bedenklich, vor allem, was die offenbar abnehmende Bereitschaft der Bevölkerung angeht, eine starke Hand an Leute zu wenden, die ihr solche Sätze zur Beurteilung vorsetzen. Eigentlich laufen Meinungsofferten wie„Eine einzige Partei wäre besser als viele Parteien“ oder„Die Ausländer nehmen uns Arbeit und Wohnungen weg“ ja voll und ganz auf einen Intelligenztest hinaus. Tatsächlich wird damit überprüft, ob in der Mitte der Gesellschaft eher die schwachen Köpfe als die starken Hände verbreitet sind. Die flinken Hände aber erkennen das nicht als Unverschämtheit, sondern kreuzen statt dessen wertungslustig an, was das Zeug hält, vermutlich um das, was man für die eigene Meinung hält, wem auch immer einmal so richtig zu sagen.„Deutsche Frauen sollten keine Ausländer heiraten“ finden gut: dreißig Prozent der Befragten. Aha, sollten sie also nicht. Aber was heißt das? Würden auch dreißig Prozent zugestimmt haben, wenn statt„heiraten“ in der Formulierung„lieben“ gestanden hätte? Zur näheren Erkundung der gemeinten Meinung hätte man vielleicht fragen können, ob nicht auch ausländische Frauen am besten keine Ausländer heiraten sollten. Wie viele starke Tröpfe hätten wohl auch das angekreuzt? Doch die Meinungsforscher sind schon voll und ganz zufrieden, wenn nur ein zusammenhangloses Vorurteil bekräftigt wird. Ob die Mitte unserer Gesellschaft auch voll und ganz und eher dem Satz zustimmt„Deutsche Frauen sind mit einem Inländer auf jeden Fall glücklicher verheiratet als mit einem Ausländer“, wissen wir daher nicht. Man hätte auch fragen können, ob die Mitte eventuell zustimmen würde, wenn einer sagt:„Heiraten soll man bestenfalls, wen man liebt.“ Interessant wäre in diesem Zusammenhang schließlich das Urteil„Wie attraktiv finden Sie eigentlich Madonna?“ Voll, ganz oder eher attraktiv? Würde man nicht vielleicht, wenn man nur ein bisschen so nachfragte, am Ende mit völlig widersprüchlichen Antworten dastehen? So aber fragt man zwar aus der Mitte der Gesellschaft eine Reihe von teils unsinnigen, teils maulheldenhaften und aggressiven Haltungen heraus – aber auch eine Konsistenz in sie hinein, die es in der mit Meinungen vollgestopften Volksseele gar nicht geben dürfte. Das Ganze nennt sich dann empirische Soziologie. Wir nennen es nicht nur eher, sondern voll und ganz eine Auftragsforschung, die sich zum Vorurteil leiten lässt, jeder Reflex entspreche einem tiefsitzenden Vorurteil und alle Vorurteile der Bevölkerung passten je tiefsitzender desto mehr zueinander. Indem sie den Leuten isolierte Phrasen zur Auslösung solcher Reflexe hinhält, übt sie sich im selben autoritären Gehabe, das sie ihnen vorwirft. www.fes-online-akademie.de Seite 18 von 18
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Die gesellschaftliche Akzeptanz von Rechtsextremismus und Gewalt : Ergebnisse einer Repräsentativbefragung ; Kurzfassung ; November 2000
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