Druckschrift 
Eine Sternstunde des Bundestages : Gustav Heinemanns Rede am 23. Januar 1958
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

8 Humor, aber auch Geduld gegenüber Interventionen, in diesem Hause zur Geltung bringen konnte und es geradezu beherrschte. 3 Bereits zu vorgerückter Stunde war Thomas Dehler an der Reihe. Im ersten Kabinett Adenauer Justizminister, war er seit 1953 als FDP-Fraktionsvorsitzender zunehmend zu einem Geg­ner der Deutschlandpolitik Adenauers geworden. Im Dritten Bundestag ohne politische Führungsämter sah Dehler nun die Chance, mit Adenauer und seiner Deutschlandpolitik abzurech­nen, und Adenauer reagierte auf seine Weise, wie ein Reporter berichtet:Als Dehler zur Rednertribüne hinaufstieg, kletterte der schon zwölf Stunden unablässig der Debatte folgende Bun­deskanzler von seinem Platz auf der erhöhten Regierungsbank herunter, um direkt vor Dehler seinen Abgeordnetensitz neben Krone und Schröder einzunehmen. Wirkte er wie ein rotes Tuch auf Dehler? Der steigerte sich immer mehr in Leidenschaftlich­keit hinein. 4 Dehler ging im zweiten Teil seiner langen Rede in der Tat über zu einer politischen und moralischen Bloßstellung Adenauers als Politiker, der immer wieder Möglichkeiten einer Wiedervereinigung vereitelt und verhindert habe. Damit war der Bundeskanzler selbst zum Gegenstand dieser Debatte geworden und der Bundestag zu einem Hexenkessel. Gustav Heinemanns Rede In dieser Situation die Uhr war über Mitternacht vorgerückt wurde Gustav Heinemann als Redner aufgerufen. Die Situation im nächtlichen Plenarsaal beschrieb ein Reporter alsein beson­deres Erlebnis: Dehler verwandelte das Parlament in einen He­xenkessel mit Pfui-Rufen und Pultgeklapper Heinemann in einen stillen Saal, in dem man eine Stecknadel hätte zu Boden fallen hören Der Kanzler saß auf seinem Platz in der ersten Bankreihe, nur wenige Meter von seinen Anklägern entfernt. 3 Vgl. Dokumente III,4, S. 338-347. 4 Die Welt 25.1.1958. Zur Rede Dehlers vgl. Dokumente III,4, S. 374­397, sowie zur Person unten S. 21 und Anm. 24.