13 Resonanzen und Reaktionen Im Bundestag Erst durch die Reaktionen und die Folgen, die sie auslöste, ist Heinemanns Rede vom 23. Januar berühmt und denkwürdig geworden. Im Rahmen jener Bundestagsdebatte war sie die letzte der großen Ansprachen. Nach der ausufernden und aggressiven Rede Dehlers sprach Heinemann„gebändigt und sachlich, in der Argumentation aber ebenso entschieden wie Dehler“ sowie„mit bewusst ruhiger, manchmal sogar leiser Stimme, die von kaltem Zorn getragen schien … Der Saal war so ruhig, dass man manchmal glaubte, die Atemzüge hören zu können.“ 11 Auch Gustav Heinemann wurde häufig von Beifall und Kritik unterbrochen 12 , doch es gab keinen Tumult, und am Ende herrschte innerhalb der Regierungsparteien große Betroffenheit. Heinrich Krone, der CDU-Fraktionsvorsitzende, machte zu Heinemanns Rede drei kurze Bemerkungen und betonte den Unterschied zwischen dessen und Dehlers Rede. 13 Eine beginnende Auseinandersetzung über Heinemanns christliche Argumentation blockte Bundestagspräsident Gerstenmaier autoritär ab. 14 Bemerkenswert anders argumentierte der jüngere CSUAbgeordnete Hermann Höcherl aus Bayern. Er stellte der gesamtdeutschen Orientierung, die bisher vorherrschte, eine westdeutsche gegenüber:„Der Ausgangspunkt für jede Überlegung jedes verantwortlichen Deutschen muss sein: zunächst einmal die Sicherheit in Freiheit für unsere 50 Millionen Menschen.“ 15 Damit wurde selbstbewusst eine neue Priorität für die Bonner Politik beansprucht: wichtiger als die 70 Millionen des deutschen Volkes seien die 50 Millionen in Westdeutschland, und 11 Berichte der FAZ und von„Die Welt“ vom 25.1.1958. 12 Das Protokoll vermerkt 32 solcher Äußerungen. 13 Dokumente III,4, S.410. 14 „Machen Sie diesem grausamen Spiel ein Ende! Lassen Sie die Theologie draußen!“ ebd.., S. 423. 15 Ebd., S. 416.
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Eine Sternstunde des Bundestages : Gustav Heinemanns Rede am 23. Januar 1958
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