Sammelwerk 
Agrarpolitik und Ländlicher Raum in Mecklenburg-Vorpommern nach 1989
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

114| ANHANG Prof. Dr. Peter Kauffold Biologe, Bandelstorf, Zeitzeugenbericht Auszug aus: Zeitzeugenbericht von Prof. Dr. Peter Kauffold am 30. November 2007in: Rostocker Studien zur Universitäts­geschichte Band 3 Herausgegeben von Kersten Krüger, Universität Rostock 2009 .... Im September 1989 wurde ich zum Pro­fessor der AdL ernannt. Das geschah 14 Jahre nach der Promotion B und 22 Jahre nachdem letztmalig einparteiloser Wissenschaftler aus unserer Einrichtung diese Berufung erfuhr. Das sind gleich zwei Langzeitrekorde der sozialisti­schen Kaderpolitik in einem. Ich hatte damit nicht mehr gerechnet. Das politisch bewegte Jahr 1989 begann einen Monat später. Die galoppierende Destabilisie­rung des staatlichen Machtapparates spiegelte sich auch in Fassungslosigkeit und zunehmen­der Unsicherheit derstaatlichen Leitung des FZT und der Parteileitung. An der Pinwand im Leitungsgebäude erschienen sogar spontane Meinungsäußerungen zur politischen Situa­tion. Ich hatte mich auch daran beteiligt und freie Wahlen sowie Reformen verlangt. Meine Frau und ich nahmen an den volkreichen Pro­testdemonstrationen teil und an öffentlichen Diskussionsrunden mit oppositionellen Kräften. Im FZT wurde Anfang 1990 ein wissenschaft­licher Rat als ein Organ der Mitbestimmung gewählt. Auch ich gehörte dazu. Eine ganz lapidar gehaltene Einschätzung meiner langjährigen Wirkungsstätte muss ich an diese Stelle meines Berichtes setzen, weil ich mich zum Ende des Jahres 1989 freiwillig in Prozesse begeben hatte, die mich von der Tätigkeit eines forschenden Wissenschaftlers fortzogen: Im FZT Dummerstorf ist auf vielen Gebieten eine seriöse und qualifizierte For­schungstätigkeit betrieben worden mit zum Teil sehr hohen Leistungen, die Bestand haben und als Bausteine in das Gebäude der Agrarwissen­schaften eingegangen sind. Andere Leistungen, insbesondere aus der Anwendungsforschung, sind mit den Produktionsbedingungen unter­gegangen, denen sie dienen sollten. Dem DDR­Futterwertungssystem wünsche ich eine Re­naissance. Es ist das komplexe Ergebnis einer langjährigen Forschung vieler Wissenschaftler, das die Bewertung von Futterstoffen und Ra­tionen auf eine neue energetische Grundlage stellt. Es wäre heute noch weltweit sehr vor­teilhaft einsetzbar. Das FZT war so gut, wie es unter den Bedingungen der SED-Diktatur eben nur sein konnte, einem System, in welchem Freizügigkeit nicht gegeben war, wo Konzep­tion, Kommunikation und Kooperation unter Vormundschaft standen, kein echter Wettbewerb existierte, wo Personalentscheidungen ideolo­gischen Leitlinien folgten und Heuchelei an der Tagesordnung war und wo schließlich die Ausstattung mit leistungsfähiger Technik durch die Mangelwirtschaft limitiert war. Immerhin war das FZT doch so gut und so funktional strukturiert, dass es die im Einigungsvertrag vorgesehene und in den Hintergründen stark beargwöhnte Evaluierung im Jahr 1991 soweit überstand, dass sein Kern in ein neu zu grün­dendes Institut überführt wurde. Dieses FBN gehört fortan zu den vom Bund und von den Ländern getragenen Instituten, welche heute die Leibniz-Gemeinschaft bilden. Den BegriffDiktatur habe ich eben zum er­sten mal genannt. Zum Jahreswechsel 1989/90