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Der Just-Transition-Mechanismus : strategischer Hebel für sozial gerechte Übergänge weltweit
Entstehung
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1. Einleitung Die klimaneutrale Transformation ist weiterhin die zentrale politische, ökonomische und gesellschaftliche Herausforde­rung unserer Zeit. Zur Umsetzung des Pariser Klimaabkom­mens bedarf es tiefgreifender struktureller Veränderungen in nahezu allen Politikfeldern: angefangen bei Industrie- über Sicherheits- bis hin zu Sozialpolitik und dies in einem historisch beispiellosen Tempo. Sie umfasst also keineswegs nur ökologische Fragen, sondern erfordert ein Neudenken von globalen Machtstrukturen, wirtschaftlichen Modellen wie auch alltäglichen Praktiken. Die Transformation ist daher vor allem auch eine soziale Frage nicht zuletzt auf Grund der massiven und schnellen Veränderungen, die hierfür nötig sind. Ohne gesellschaftli­che Akzeptanz, faire Lastenverteilung und ohne konkrete Perspektiven für Beschäftigte und betroffene Regionen wird ambitionierter Klimaschutz politisch nicht durchsetzungs­fähig sein. Just Transition als Voraussetzung ambitionierter Klimapolitik Genau hier setzt das Konzept der Just Transition an. Es steht für die sozial gerechte Gestaltung von Transformationspro­zessen. Nur durch einen Übergang, der angesichts dieser Herausforderungen sozial gerecht, fair und inklusiv organisiert wird, kann die Transformation gleichzeitig zu nachhaltiger Entwicklung führen und Armut sowie Ungleichheit bekämpfen. Politisch gesehen ist Just Transition eine zentrale strategi­sche Voraussetzung für ambitionierten Klimaschutz. Nur so kann gesellschaftliche Akzeptanz hergestellt und das Risiko abgefedert werden, dass sich große Teile der Bevölkerung gegen diese notwendigen Veränderungen richten und die Polarisierung zunimmt. Der Ursprung von Just Transition liegt in der US-amerika­nischen Gewerkschaftsbewegung. Dort haben die Gewerk­schafter_innen in der Chemieindustrie, denen ein Jobverlust durch Umweltmaßnahmen drohte, diesen Begriff in den 1990er Jahren geprägt. Unter dem Schlagwort der Just Transition forderten sie menschenwürdige Arbeit, funktionierende sozi­ale Sicherungssysteme, Qualifizierung und Weiterbildung, sozialen Dialog sowie die aktive Beteiligung betroffener Bevölkerungsgruppen. Bis heute bilden diese Elemente den Kern des Just-Transition-Konzeptes. Von der Idee zur institutionellen Verankerung Im Bereich der internationalen Klimapolitik ist das Thema Just Transition vor allem seit 2015 präsent. Die Notwendigkeit sozial gerechter Übergänge beim Erreichen der Klimaziele wurde in die Präambel des Pariser Klimaabkommens auf­genommen. Im selben Jahr veröffentlichte die Internationale Arbeitsorganisation(International Labour Organization ILO) ihre Leitlinien für gerechte Übergänge. 1 Bis heute bleiben sie der zentrale Referenzrahmen für die Transformation hin zu grünem und nachhaltigem Wachstum. Mittlerweile wurde das Just-Transition-Konzept von diversen klimapolitischen Akteuren aufgegriffen und spielt seit der Erwähnung in der Präambel des Pariser Klimaabkommens am Rande der Klimakonferenzen immer wieder eine Rolle. Bis zur Klimakonferenz COP27 in Ägypten war das Thema jedoch nicht Teil der offiziellen Verhandlungsagenda. Erst dort wurde hierzu im November 2022 ein Arbeitsprogramm etabliert das sogenannte Just Transition Work Programme (JTWP), das auf der darauffolgenden COP28 in Dubai mit entsprechendem Mandat und Modalitäten operationalisiert wurde. Das war ein entscheidender Schritt, um soziale Ge­rechtigkeit im Zentrum der internationalen Klimadiplomatie und in der UN-Klimarahmenkonvention(United Nations Framework Convention on Climate Change UNFCCC) zu verankern. Auf der COP30 in Brasilien wurde im November 2025 trotz aller Widerstände beschlossen, dass ein Just­Transition-Mechanismus (JTM) auf internationaler Ebene entwickelt werden soll. Diese Entwicklung ist auf unterschiedlichen Ebenen von großer Relevanz für die deutsche internationale Zusam­menarbeit. Die internationale Klimapolitik befindet sich aktuell an einem entscheidenden Wendepunkt, weg von der diskursiven Ebene, hin zur konkreten Umsetzung. Zu­nehmend wird dabei deutlich, dass für eine faire und ge­sellschaftlich akzeptierte Umsetzung von klimapolitischen Maßnahmen Just Transition der zentrale Ansatz ist. Gleichzeitig wird hierbei ein zentrales Dilemma deutlich. Denn während das Thema sich auf diskursiver Ebene nun fest etabliert hat, findet sich auf der Umsetzungsebene noch kein kohärentes Bild und viele Ansätze sind fragmentiert. Zudem sinken die Mittel für Entwicklungs- und Klimafinan­zierung sowohl global als auch in Deutschland. Zuletzt hat 1  https://www.ilo.org/publications/guidelines-just-transition-towards-environmentally-sustainable-economies Einleitung 3