3. Kernelemente für gerechte Übergänge weltweit Die benannten Barrieren für die Umsetzung von Just Transition – Fragmentierung, Inkohärenz und fehlende Mittel – lassen sich nicht allein durch Koordinierung und technische Ansätze lösen. Eine grundlegende Ursache liegt in der fehlenden gemeinsamen Auslegung des JustTransition-Konzeptes: Solange unterschiedliche Akteure unter demselben Begriff fundamental verschiedene Prioritäten verstehen, bleibt kohärentes Handeln strukturell erschwert. Die Verständigung auf gemeinsame Kernelemente ist daher zentral für den Erfolg eines Mechanismus. Dabei besteht die Herausforderung darin, Elemente zu artikulieren, die als klare Leitlinien dienen und zugleich unterschiedlichen nationalen Kontexten angepasst werden können. Im Folgenden werden daher keine detaillierten, präskriptiven Standards formuliert, sondern Mindestanforderungen an jede Just Transition. Diese greifen Elemente unterschiedlicher bereits existierender Prinzipien auf und speisen sich zudem aus Erkenntnissen der UNFCCC-Verhandlungen sowie Hintergrundgesprächen mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Vertreter_innen. 3.1 Arbeitnehmer_innen im Zentrum: ILO-Leitlinien und sozialer Dialog als Kern eines gerechten Übergangs Das Just-Transition-Konzept ist, wie eingangs erwähnt, historisch in den Gewerkschaften verankert. Sie definieren Just Transition explizit als arbeitsmarkt- und sozialpolitisches Projekt. Der Genese des Konzeptes geht die Erkenntnis voraus, dass Klimaschutz mit erheblichen Einschnitten im Arbeitsmarkt einhergehen wird. Studien prognostizieren zwar einen Netto-Jobgewinn durch die Schaffung zahlreicher Arbeitsplätze in aufkommenden, sauberen Technologien. 7 Die absoluten Zahlen allein zu betrachten, ist jedoch unzureichend. Neue Jobs erfordern oftmals neue Fähigkeiten, Qualifizierungen und Standortwechsel. Diese Transformation bedarf eines(sozial-)politischen Managements, das die betroffenen Arbeitskräfte und Gemeinschaften in den Vordergrund stellt – ein Prinzip, das der Mechanismus durch Sammeln von Good-Practice-Beispielen, durch Peer-Learning aber auch durch dezidierte Unterstützung skalieren kann. Die Just-Transition-Richtlinien der ILO fassen, wie in der Einleitung erwähnt, diesen Anspruch an einen sozial gerechten Strukturwandel in ein kohärentes Rahmenwerk zusammen. Jedoch sind sie nicht als Blaupause, sondern als kontextsensible Mindeststandards für den sozial-gerechten ökologischen Wandel zu verstehen. Für den Kontext des Just-Transition-Mechanismus lassen sich drei zentrale Säulen aus den ihnen ableiten: → Menschenwürdige Arbeit: Sicherung menschenwürdiger Jobs, die emissionsintensive Arbeitsplätze nicht nur ersetzen, sondern qualitativ verbessern, inklusive der Anerkennung von Care-Arbeit; → Tripartiter Dialog: institutionalisierte Beteiligungsmodelle von Arbeitnehmer_innen, Arbeitgebern und Staat; → Soziale Sicherung: soziales Auffangnetz im Falle von Arbeitslosigkeit oder weiteren krisenbedingten Schocks. Dass der Umgang mit Arbeitsplatzverlust und grüner Wertschöpfung keine rein numerische Frage ist, liegt auf der Hand. Kritische Stimmen aus Zivilgesellschaft und Gewerkschaften mahnen, dass wirtschaftliche Transformation nicht in einem schlichten Tausch fossiler gegen»saubere« Arbeit enden darf. Zugleich betonen sie die bestehende Chance, menschenwürdige und sichere Arbeit zu schaffen. Der Tripartismus, gelebt in der ILO, gilt als institutionelle Säule der Just Transition. Anders als in einfacher Beteiligung jeglicher Betroffenen, definiert sich der tripartite Dialog durch die Beteiligung von Beschäftigten, deren Arbeitgebern und der Regierung sowie ihrer Gleichstellung innerhalb der Verhandlungen. Soziale Sicherungssysteme sind das unsichtbare, aber entscheidende Fundament eines jeden Strukturwandels. Sie wirken nicht nur als Auffangnetz beim Übergang von alten zu neuen Industrien und sichern Lebensgrundlagen bei Klimaanpassung, sondern sie schaffen zugleich die Grundlage, die Menschen befähigt, aktiv an wirtschaftlichen und sozialen Transformationsprozessen teilzuhaben. Insbesondere die geringverdienenden Länder benötigen Unterstützung im Aufbau krisenresistenter sozialer Sicherungssysteme. Eine zentrale Herausforderung wird dabei sein, die oft großen Anteile der im informellen Sektor arbeitenden Bevölkerung adäquat zu unterstützen und einzubinden. 7 https://www.weforum.org/press/2025/11/green-transition-to-add-9-6-million-jobs-globally-by-2030-but-risks-creating-new-economic-divides-a8aea0c5f1. Kernelemente für gerechte Übergänge weltweit 7
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Der Just-Transition-Mechanismus : strategischer Hebel für sozial gerechte Übergänge weltweit
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