FES-Analyse: Serbien 3 Politischer Hintergrund: Wer regiert Serbien? Am 5. Oktober 2000 wurde der uneinsichtige Wahlverlierer Slobodan Milosevic gestürzt. Hunderttausende aus dem ganzen Land schlossen sich den Demonstrationszügen auf den Straßen Belgrads an, die im Sturm auf das Parlament gipfelten. Milosevics Gegenkandidat Vojislav Kostunica, der bei den jugoslawischen Präsidentenwahlen im Vormonat siegreich hervorging, hatte dem Wahlvolk ein„langweiliges Leben“ versprochen. Nach Jahren der(verlorenen) Kriege, den internationalen Sanktionen, nach einer Zeit von Hyperinflation und Wirtschaftskrise stieß dieses Versprechen bei einer Mehrheit der Serben auf offene Ohren. Doch Kostunica, heute Regierungschef Serbiens, konnte sein Versprechen nicht halten. Nach dem chaotischen Jahrzehnt der Herrschaft Milosevics begann für Serbien eine neue Zeit der Wirren, als deren Tiefpunkt die Ermordung des reformorientierten Ministerpräsidenten Zoran Djindjic im März 2003 in Belgrad gelten muss. Djindjic wurde Opfer von mafiös durchsetzten Polizeistrukturen, die das Ende des alten Regimes überlebt hatten. Es gilt heute als gesichert, dass Djindjic sterben musste, weil er nach Jahren des taktischen Lavierens, bei dem auch er Rücksicht auf diese alten Strukturen zu nehmen hatte, einen ernsthaften Kampf gegen die Relikte des Regimes aufnehmen und zudem die Zusammenarbeit mit dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag intensivieren wollte. In den Reihen der noch zu Milosevics Herrschaftszeiten gebildeten Sondereinheiten der Polizei und des Innenministeriums gab es offenbar viele Männer, die ihre Auslieferung nach Den Haag fürchteten. Zu Unrecht, wie wir heute wissen, denn es standen damals nur noch relativ wenige Anklagen gegen„große Fische“ aus, die Nebentäter musste das Den Haager Gericht wegen Arbeitsüberlastung der lokalen Rechtsprechung überlassen. Ein Jahr nach dem Tod Djindjics wurde Serbien durch die von extremistischen Albanern gesteuerten Unruhen im Kosovo erschüttert, die sich vor allem gegen die Minderheit der Serben und die UNVerwaltung der Provinz richteten. Dabei kamen im März 2004 innerhalb von drei Tagen 19 Personen um, weitere erlagen später ihren Verletzungen. In Belgrad und der südserbischen Stadt Nis steckten serbische Nationalisten aus Rache zwei Moscheen in Brand. Die Kosovo-Schutztruppe KFOR ließ sich von den albanischen Gewalttätern überrumpeln. Zahlreiche serbische Häuser und orthodoxe Kirchen im Kosovo gingen in Flammen auf. Besonders an dem in Prizren stationierten deutschen Kontingent der KFOR gab es später Kritik, weil es zu„weich“ reagiert habe. Ein Jahr nach den Unruhen, im März 2005, wurde der kosovarische Ministerpräsident und ehemalige Freischärlerführer Ramush Haradinaj vom UNKriegsverbrechertribunal angeklagt. Die Anklage war seit längerem erwartet worden, die befürchteten Unruhen seiner Anhänger jedoch blieben aus. Haradinaj stellte sich freiwillig dem Tribunal, wurde aber später auf freien Fuß gesetzt. Politisch war das Jahr 2005 für Serbiens Regierungschef Kostunica insgesamt unerfreulich. Es war gekennzeichnet durch den unaufhaltsamen Zerfall der Staatenunion von Serbien und Montenegro. Kostunica hatte sich vehement gegen die Trennung Montenegros von Serbien ausgesprochen. Er vertritt die Ansicht, Montenegriner seien Serben, die in Montenegro leben, nicht aber eine eigene Nation. Für Politiker dieser Schule, die durchaus auch in Montenegro ihre Anhänger hat, war der gemeinsame Staat von Serben und Montenegrinern in jedem Falle erhaltenswert. Der lose Zusammenschluss war in den Jahren 2001/2002 vor allem auf Druck der EU und Javier Solana entstanden. Solana wandte sich gegen die Bestrebungen der kleinen Adriarepublik Montenegro(weniger als 700 000 Einwohner), sich vom ungleich größeren Serbien (etwa 7,5 Millionen Einwohner ohne Kosovo) zu lösen. Die offizielle Begründung für den letztlich erfolglosen Widerstand der EU gegen die Wiedererlangung der Souveränität für Montenegro hatte jedoch einen anderen Grund. Sie lag in der Furcht vor einer „Balkanisierung“. Eine Souveränitätserklärung Montenegros, so wurde argumentiert, werde auch die Sezessionsbestrebungen der bosnischen Serben und der Albaner im Kosovo bestärken. Sie könne womöglich sogar auf andere Minderheiten – Kroaten in Herzegovina, Albaner in Südserbien und Mazedonien, oder auf Türken in Bulgarien – eine destabilisierende Wirkung haben, lauteten pessimistische Mutmaßungen. Der montenegrinische Regierungschef Milo Djukanovic hielt dieser balkanischen Dominotheorie stets entgegen, dass die Albaner des Kosovo ohnehin auf ihrer Loslösung
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