Thomas Meyer Internet und Politische Bildung – Zehn Thesen X. Politische Pädagogik des Netzes Wir führen es auf die Wirkungen dieses Angebotsmixes im ganzen zurück, dass der Altersdurchschnitt unserer Teilnehmer seit den 80er Jahren nicht mehr gestiegen ist. Darum werden die skizzierten Linien künftig mit neuen Ideen weiter verfolgt. Die politische Pädagogik des Netzes bedarf einer gründlichen Reflektion, wenn verhindert werden soll, dass die Akteure, Veranstalter und Planer der Suggestion des Netzes verfallen. Eine professionelle"inputerin" eines virtuellen Seminars der DGB-Bildungsstätte Hattingen im Frühjahr 2000 hat ohne Schnörkel die These vertreten:"Technisch ist alles möglich und was fehlt, kann jemand programmieren"(Claudia Klinger). Ein so überzogener Anspruch muss zuerst zu Enttäuschungen und schließlich in die Irre führen. Nach den bisherigen Erfahrungen mit dem Netz und auch mit sorgfältig vorbereiteten und groß angelegten Experimenten mit politischer Bildung im Netz, erscheinen vielmehr die folgenden beiden Imperative für einen reflektierten Umgang mit seinen Möglichkeiten von grundlegender Bedeutung: • Politische Bildung ist teilweise immer schon eine der Voraussetzungen für einen angemessenen Umgang mit dem Netz. Man muss ein Stück politische Bildung immer schon mitbringen, um das Netz für politische Bildung angemessen nutzen zu können. Politische Bildung besteht ja weder bloß in der Informationsvermittlung, noch in bloßer kooperativer Informationenbearbeitung. • Das verständigungsorientierte Gespräch unter Anwesenden ist, wie die demokratiepolitische und pädagogisch orientierte Gesprächstheorie von J. Dewey bis J. Habermas plausibel begründet hat, mehr als nur ein kooperativer Informationsgewinn. Zu seinem Gelingen sind vielfältige soziale, semiotische und psychische Interaktionen sowie ein dichter Austausch von Argumenten, der in sie eingebettet ist, notwendig. Verständigung ist eine Dimension der politisch moralischen Urteilsbildung, durch die zugleich auch Solidarität und die Verbindung von kognitiven, wertenden und emotionalen Einsichten erzeugt werden kann, die biographisch und politisch für die Demokratie unverzichtbar sind. Wie sehr sich Netz-Dialoge dem auch immer annähern mögen, solche Verständigung ist letztlich nur im Gespräch unter Anwesenden ganz zu erreichen. Darum wird politische Bildung trotz der enorm wachsenden und vielfältigen neuen Rolle des Netzes auch in Zukunft ohne dieses Element nicht auskommen. Der Netzeinsatz soll vielmehr gerade darauf bezogen sein, Vorbereitungen, Nachbereitungen, Hilfe und Stützen zur Verfügung zu stellen, aber nicht das verdrängen wollen, was am Ende eben doch seine Möglichkeiten überschreitet. Das ist die eigentliche Herausforderung für die politische Bildung der Zukunft. www.fes-online-akademie.de Seite 9 von 10
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