des Parlaments an. Später wurde für diese augenscheinliche Hast eine legalistische Begründung nachgeschoben. Außerdem schaltete die Presseabteilung des Präsidialamts fast täglich ganzseitige Anzeigen, deren Text mit farbigen Bildern der um sich greifenden Vertreibung und Zerstörung unterlegt war. Darin wurden namentlich und mit Foto aufgeführte Diplomaten, VertreterInnen der kenianischen Zivilgesellschaft sowie die„abtrünnigen“ Mitglieder der Wahlkommission beschuldigt, nicht belegte Behauptungen über Wahlbetrug zu verbreiten und somit die Verantwortung für die sich im Lande ausbreitende Gewalt zu tragen. Tiefe Gräben reißen auf: Der Fluch des Tribalismus Unterdessen entlud sich die Empörung über die verkorksten Wahlen zunehmend gewalttätig und entlang ethnischer Linien. Die Ereignisse boten idealen Stoff für die im Land weit verbreitete Auffassung, dass die Kikuyus(größter Volksstamm, 22% der Bevölkerung) an der Macht um jeden Preis festhalten und vor allem den Luos (drittgrößter Volksstamm, 15% der Bevölkerung) niemals eine Übernahme der Regierung erlauben würden. Nun zeigten auch die offiziell verkündeten Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen, dass der Kikuyu Mwai Kibaki zwar die knappe Mehrheit aller Stimmen auf sich vereinen konnte, dass er dabei aber lediglich den Spitzenplatz in zwei von Kenias acht Provinzen erobert hatte. Bei diesen handelte es sich um die angestammten Siedlungsgebiete der Kikuyus und der eng verwandten Merus. Der Luo Raila Odinga konnte hingegen die Mehrheit der Stimmen in den sechs übrigen Provinzen auf sich vereinen. Vor diesem Hintergrund bezichtigten sich schon kurz nach Einsetzen der Gewalttaten, die zunächst vor allem gegen Kikuyus gerichtet waren, Regierung und Opposition gegenseitig der„ethnischen Säuberungen“ und des Völkermordes. Umfragen vor der Wahl hatten auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Kibaki und Odinga hingewiesen. Alles deutet demnach auf eine zweigeteilte, polarisierte Gesellschaft hin. Im Wahlkampf hatte das Kibaki-Lager einen nicht sehr erfolgreichen Versuch unternommen, mit der Gründung der„Party of National Unity“ (PNU) das Stigma des Kikuyu-Klüngels abzulegen. Die Odinga-Partei Orange Democratic Movement“(ODM) bemühte sich zwar um den Anstrich einer multiethnischen Koalition, gehorchte in der Festlegung der internen Hierarchie aber auch der ethnischen Machtarithmetik. Außerdem hatten sich Politiker beider Lager auf opportunistische Weise der mobilisierenden Wirkung ethnischer Abgrenzung und Vorurteile bedient. Dabei schwang bei PNUGefolgen auch immer die Warnung mit, der Luo Raila würde nach einer Wahl sein wahres„Tyrannen-Gesicht“ zeigen. Solche Propaganda erklärt Kibaki-Zustimmung im Kikuyu-Kernland von annähernd 90%; andersherum erhielt Raila in seiner Heimatprovinz Nyanza ähnliche Werte. Deutlicher als in diesen Zahlen lässt sich die tiefe Spaltung des Landes kaum illustrieren. Die Gewaltakte in der Bevölkerung nahmen durch Aufbrechen ethnisch bedingter Animositäten stark zu, wurden aber gleichzeitig durch andere Faktoren begünstigt. Es entluden sich Spannungen, die sich aus der trotz Wirtschaftswachstum grassierenden Armut, den großen sozialen und regionalen Disparitäten und speziell auch der seit Erlangung der Unabhängigkeit ungelösten Fragen um Landbesitz ergeben hatten. Verbreitete Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit unter jungen Menschen sowie gewöhnliche kriminelle Motive kamen hinzu. Nicht zuletzt hatte die Regierung 3
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