LAKHDAR BRAHIMI UND THOMAS R. PICKERING| AFGHANISTAN – DEN FRIEDEN VERHANDELN Vorwort Als wir die Einladung der Century Foundation erhielten, uns der internationalen Task Force Afghanistan anzuschließen, fragte sich jeder von uns, ob eine solche Gruppe wirklich zur Beendigung der Gewalt und Instabilität dort beitragen könnte. Würde man nach dem jahrzehntelangen Unfrieden, der diesen Binnenstaat in der Mitte Asiens verwüstet hat – und sich dann weit über Afghanistan hinaus in ferne Länder ausbreitete –, in der internationalen Gemeinschaft genug Entschlusskraft und Geschlossenheit aufbringen können, um diesen 30-jährigen Krieg endlich zu beenden? Als die Task Force Gestalt annahm, wuchsen unsere Hoffnungen, gemeinsam einen bescheidenen Beitrag leisten zu können. Die fünfzehn Männer und Frauen, die sich in dieser Task Force zusammenschlossen, waren für ihre Länder oder die internationale Gemeinschaft in der Außenpolitik und der Verteidigung tätig – in der Staatsführung und Politik, in der Kriegsführung und bei der Friedenssicherung. Einige haben Millionen von Flüchtlingen Beistand geleistet – auch Millionen von Afghanen – und umfangreiche Entwicklungs- und Wiederaufbauprogramme überwacht. Andere haben hinter den Schleier aus Betrug und Selbsttäuschung geblickt, um die vielfältigen Probleme der Region zu analysieren und offen und ehrlich darüber zu berichten. Manche waren als Vertreter der Vereinten Nationen, der Europäischen Union oder der NATO in Afghanistan. Sie haben weltweit gewissenhaft bei der Ausarbeitung und Umsetzung schwieriger Abkommen mitgewirkt, um mörderische Konflikte zu beenden, die ähnlich unlösbar erschienen – wie in Kambodscha, Mittelamerika, Zentralafrika, im Nahen Osten oder im ehemaligen Jugoslawien. Zu Beginn unserer Arbeit waren einige Politiker davon überzeugt, durch eine Änderung der Militärstrategie bei der Bekämpfung der Aufstände doch noch den Sieg zu erringen, der vor einem halben Jahrzehnt schon sicher schien, dann aber in enttäuschender Weise in weite Ferne rückte. Andere bezweifelten voller Skepsis, dass in Afghanistan überhaupt etwas erreicht werden könne und fanden sich damit ab, das Land erneuten Vernichtungskriegen oder einer obskurantistischen Herrschaft zu überlassen – oder höchstwahrscheinlich beidem. Unserer Ansicht nach hatten weder die einen noch die anderen damit völlig Recht. Um fundiert diskutieren zu können, berieten wir uns ausführlich mit politischen Entscheidungsträgern und unabhängigen Analytikern der führenden Staaten Europas, Asiens und Nordamerikas. Es fanden Treffen mit Afghanen aller Seiten statt: hohen Beamten aus Kabul, Mitgliedern der politischen Opposition, der Zivilgesellschaft sowie Personen mit engen Verbindungen zu den Aufständischen. Darüber hinaus konnten wir auf eine große Auswahl aufschlussreicher politischer Papiere zurückgreifen, welche die Century Foundation bei Experten aus einem halben Dutzend Ländern und unter Berücksichtigung ebenso vieler Aspekte in Auftrag gegeben hatte. Diese Papiere untersuchten die Organisation und Prioritäten der aufständischen Taliban, die Interessen der wichtigsten afghanischen und internationalen Interessengruppen in diesem Konflikt, die Militanz in der pakistanischen Grenzregion, den indisch/pakistanischen Hintergrund und seine zentralasiatischen Dimensionen, den Wandel der Frauenrolle im afghanischen Alltag sowie die Möglichkeiten für einen Aufbau des Friedens in Afghanistan auf lokaler Ebene. Wir schließen daraus, wie dieser Bericht im Einzelnen zeigen wird, dass der fortwährende und zermürbende Krieg sowie die Aussicht seiner Fortsetzung auf unbestimmte Zeit die Entschlossenheit aller Beteiligten – sowohl der afghanischen als auch der internationalen –, den Kampf fortzuführen und ihre Maximalziele zu erreichen, ausgehöhlt hat. Auf allen Seiten wächst die Erkenntnis, dass ein»Sieg« in Afghanistan nur von kurzer Dauer sein und lediglich eine Pause vor dem erneuten Aufflammen eines Krieges darstellen wird. Aus diesen Gründen sehen wir reale Möglichkeiten für fruchtbare Verhandlungen selbst in der politischen Dürre Süd- und Zentralasiens. In diesem Bericht legen wir zunächst unsere Auffassung des gegenwärtigen militärischen und politischen Gleichgewichts in Afghanistans dar, das auf eine Pattsituation zuläuft und somit eine politische Lösung ermöglichen könnte – kurz: wir zeigen, warum Verhandlungen für alle Seiten eher jetzt als später sinnvoll sind. Anschließend wenden wir uns Überlegungen zu den strittigen Punkten zu, die von Afghanen oder den Mitgliedern der internationalen Gemeinschaft auf die Tagesordnung gesetzt werden könnten, und unterbreiten Vorschläge, wie die internationale Gemeinschaft eine politische Einigung Afghanistans fördern und erhalten könnte. Abschließend wollen wir uns mit dem»Wie« befassen und Vorschläge 5
Druckschrift
Afghanistan - den Frieden verhandeln : Bericht der Internationalen Task Force für Afghanistan im Auftrag der Century Foundation
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten