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Afghanistan - den Frieden verhandeln : Bericht der Internationalen Task Force für Afghanistan im Auftrag der Century Foundation
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LAKHDAR BRAHIMI UND THOMAS R. PICKERING| AFGHANISTAN DEN FRIEDEN VERHANDELN Kurzfassung des Berichts Kapitel 1 Welches Ende ist in Sicht? In Afghanistan herrscht seit über 30 Jahren Krieg. Die internationale Gemeinschaft unterstützt seit fast einem Jahrzehnt den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Wiederaufbau und widersetzt sich der Rückkehr der Taliban an die Macht. In diesem Jahrzehnt hat sich die Lage der Afghanen stark verbessert. Dennoch macht das Wiedererstarken der Taliban in weiten Teilen des Landes deutlich, dass sie in der afghanischen Gesell­schaft unbestreitbar eine Kraft sind, deren Ausschluss hohe Folgekosten hätte. Die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung wartet ungeduldig darauf, dass die kämp­fenden Parteien endlich über ein Ende des Krieges ver­handeln. Frieden in Afghanistan ist möglich, wenn die Afgha­nen aller Seiten ihre tiefen Meinungsverschieden­heiten überwinden können und die internationale Gemeinschaft nicht zögert und zusammenhält. Mit internationaler Geschlossenheit konnten bereits ande­re, scheinbar unlösbare Konflikte z. B. in Kambod ­scha, Mosambik, El Salvador und Bosnien Herzegowi ­na erst eingedämmt und schließlich gelöst werden. Sowohl für die Afghanen als auch für die internatio­nale Gemeinschaft kann 2011 das Jahr sein, in dem Verbündete und Gegner zu der strategischen Schluss­folgerung kommen, dass dieser Krieg mit einem Frie­denskompromiss enden und daher mit entsprechen­den ernsthaften Verhandlungen begonnen werden muss. Das drohende Patt Obwohl die Kämpfe in Afghanistan wieder heftiger ge­worden sind, scheint die internationale Gemeinschaft klar zu erkennen, dass der Krieg in Afghanistan eher durch eine politische als eine militärische Lösung been­det werden muss. Auch wenn die Führer der Taliban den unausweichlichen Sieg proklamieren, erkennt man wohl auch dort, dass ihr Vordringen in den letzten Jahren starken Gegendruck provoziert hat. In absehbarer Zu­kunft kann keine Seite erwarten, die andere militärisch zu besiegen. Das drohende Patt schafft die Vorausset­zungen für den Beginn einer politischen Phase zur Been­digung des Konflikts. Druck außerhalb des Kampfgeschehens In der afghanischen Bevölkerung herrscht eine zuneh­mende Kriegsmüdigkeit. Selbst die leidenschaftlichs­ten Talibangegner unter den Afghanen müssen be­rücksichtigen, dass eine Verlängerung des Krieges auf unbestimmte Zeit ein Risiko für die eigene Sicherheit bedeutet. In den westlichen Ländern nimmt die öffentli­che Unterstützung für eine Truppenstationierung in Af­ghanistan zum Schutz der Regierung immer weiter ab. Einige Regierungen empfinden die Stationierungskosten zunehmend als Belastung. Die Taliban stoßen ihrerseits zunehmend auf starken Widerstand der Bevölkerung, wenn sie außerhalb der Gebiete mit ihren treuesten An­hängern versuchen, den strengen Moralkodex aus den Tagen des Emirats wieder einzuführen. Zudem steht der verbesserte Lebensstandard vieler Afghanen durch die internationale Hilfe in starkem Kontrast zu dem Leben unter der Taliban-Herrschaft. Ebenso sorgt die neue Am ­bivalenz, die viele im Verhalten Pakistans zu erkennen glauben, für erhöhten Druck auf die Führer der Taliban, neue Verhandlungswege zu erkunden. Die Rolle der Aussöhnung Überläufer der Aufständischen aufzunehmen oder zu versuchen, leitende Taliban für die Regierung in Kabul zu gewinnen, reicht wahrscheinlich nicht aus, um Frie­den zu schaffen. Um den Krieg zu beenden, wird die Aussöhnung mit den Aufständischen letztlich in einem umfassenderen politischen Rahmen stattfinden müssen. Allerdings kann das Signalisieren von Verhandlungsbe­reitschaft auch als Unterminierung der Botschaft von Entschlossenheit und Stärke wahrgenommen werden, die ein wichtiges Element jeder Militärkampagne ist. Da­her dürften alle Seiten zurückhaltend dabei sein, Signale auszusenden, die von der anderen Seite als Schwäche ausgelegt werden könnten selbst wenn zum Ausgleich Forderungen nach größeren Zugeständnissen der ande­ren Seite gestellt werden. Der richtige Zeitpunkt? Obwohl es durchaus Empfehlungen gibt, solange von Verhandlungen abzusehen, bis das militärische Kräfte­verhältnis sich klar und eindeutig zu ihren Gunsten ver­schoben hat, sind wir der Meinung, dass jetzt der beste 9