Die Neue Welt.

bas überseit schafft, foll Dir nicht leid fein, was Du in den Wochen durchgemacht baft

Der Altmeister Rühlmann hatte als Rentner in Nidda nicht gewußt, wie er feine Zeit totschlagen sollte, mar nahe daran gewesen, aus lauter Langeweile milzsüchtig zu werden. Nun hatte er seine Beschäftigung, mar munterer und beweg­licher denn je. Den Betrieb hielt er in Jeinen alten Grenzen. Er sah die Kasse gefüllt und legte Geld auf die hohe Kante. Borläufig dachte er nicht daran, für die Metzgerei einen Käufer zu suchen. In Nidda bei seiner Tochter war er das fünfte Rad am Wagen gewesen. Dazu kam, daß fein Schwiegerfohn ein Streithammel war, bem er am liebsten aus dem Wege ging. Jezt hatte er seinen Frieden. Die Grete umgab ihn mit einer Aufmerksamkeit, die er seit dem Tod seiner Frau vermißt hatte. Es war eine Staatsperson, die Grete, gescheit, praktisch und von gutem Ge­müt. Daß Theobald, der Hornochs, den Wer: einer folchen Frau verkannt hatte, war nicht zu begreifen. Eins beunruhigte den Altmeister. Die Grete war wie ein Echatten an der Wand. Die frische Luft fehlte ihr. Die brauchte der Mensch, wenn er nicht verfümmern sollte. Er trieb und trieb. Hin und wieder machte. sie in der Stadt eine fleine Besorgung. Sonst setzte fie feinen Schritt vor die Tür. Er hatte fich jetzt hinter den Lehrer Rahn gesteckt. Bielleicht, daß der es fertig brachte, ihren Didkopf zu brechen.-

Der Höppner in Stornfels hat die Häute und läßt nichts von sich hören," sprach der Altmeister eines Sonntags zur Brete. Der Quadeler zieht gern ab.' s ist am besten, ich mach hin.' s ist ein schöner Weg da hinauf. Gehen Sie mit?"

Der Lehrer Rahn hat mir sagen laffen, er hol: mich ab," erwiderte Grete. Er will mit mir nach dem Jägerhaus!"

,, Ei. et. der Herr Rahn!" tat der Alt. meister erstaunt. No, das freut mich Lüften Sie sich emol ordentlich aus. Dann triegen Sie wieder Farb. Das Einfißen mach fränferlich!"

Nachmittags wartete Grete auf den Leh­rer. Der tam nicht. Endlich schickte er einen Boten. Seine Schwester aus Orb hatte ihn mit ihrem Besuch liberrascht. Der Ausflug follte bis zum fünftigen Sonntag verschoben werden.

Grate beschloß, allein zu gehen. Ohne daß ihr jemand begegnete, gelangte sie ins Freie. Sie überschritt den Bach. Nach einer halben Stunde gemächlichen Ban­derns nahm der Wald sie auf. Mächtige Buchen überwölbten den Pfad. Durch die Zweige riefelte das Sonnenlicht, malte fich in goldenen Tupfen auf den Boden. Hell­grüne Perifliegen liefen an den Stämmen hin und her Bunte Schmetterlinge flogen Dorüber. Waldvellchen und Ehrenpreis schmückten den Grund Soweit die Augen trugen, leuchtete ein Meer von Farben.

Grete entging nichts, alles umfaßte sie mit Innigkeit. Begierig atmete fie bie träf tige Luft. Die Natur machte start. Mit festen Schritten ging fie weiter.

Eine Lichtung tat fich auf Mitteninne träumte ein fleiner Weiher. Bafaltblöde fagerten ringsher. Dazwischen standen Farnfräuter in gewaltiger Fülle.

Grete schlug die Richtung nach dem Jägerhaus ein. Bon dorther fam ein Mann. Langfam, init jchleppenden Schritten.

Jlluftriertes Unterhaltungsblatt.

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Nun erkannte fie ihn: es war Lud. wig Ibold. Sie fühlte, wie ihr das Blut zum Herzen strömte. Die Krankheit hatte er überstanden, das Gehen fiel ihm noch schwer. fie tehrte um. Sacht, facht! Begegnung micht zu scheuen. grüßte. grüßte sie ihn wieder. abgetan

man

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das sah Am besten Sie hatte die Wenn er ste Damit war's

Er tam näher. 3ng mit einer unsiche. ren Bewegung den Hut.

So gottserbärmlich sah er aus, daß sie, von Mitleid ergriffen, alle Bedenken ver gaß und das Wort an ihn richtete.

" Du warst trant, Ludwig?"

Ja" sagte er mit zitternder Stimme. Du hast lang gelegen?"

Ueber drei Wochen. Dann bin ich aufgeftanden und mußt mich wieder legen." ,, Aber jetzt macht sich's?"

Ja. Ich bin schon ein paarmal draußen

gewefen."

Du darfst nicht gleich über Deinz Kräfte gehen."

Die Schwäche jest mir noch arg zu." Die Natur hilft sich selbst. Man muß ihr nur Zeir lassen."

" Das ist wahr."

Und manchmal ist's so, daß man nach einer Krankheit viel gefunder wird." Das hoff ich."

Ich wünsch Dir gute Besserung!" Sie wandte fich zum Gehen. Sein bit tender Blid hieit sie fest.

"

Gott sei Dant, Grete. daß ich Dich hier treff. Tag und Nacht hab ich überlegt, wie ich's anfangen follt, daß ich Dich einmal Sprech!"

Sie tat einen Schritt zurück.

Ich wüßt nicht, was Du mit mir zu Sprechen hättſt. Daß Du ohne Deinen Willen in das Unglüd am Baumstüd hin. eingekommen bist, brauchst Du mir nicht zu fagen. Das hab ich gleich für gewiß ge­

nommen

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Eine jähe Röte überflog sein Gesicht. Deffenthalben, Grete so hart mich's mitgenommen hat fühl ich mich ganz frai! Aber sonst hab ich wegen Dir ein Schlecht Gewiffen. Glaub nicht, daß ich neben dem Herz her red. Ich müßt mein Leben lang auf den Kohlen laufen, wenn ich nicht vor Dir aufded, was mich von Dir abgebracht hat!"

Eine Falte trat auf ihre Stirn. Das ist vorbell"

Er legte die Hand auf die Brust.

Für mich nicht, Grete! Du weißt nicht, In was für einer Not ich bin. Und wie's mich quält. Einmal muß es lautbar wer ben!"

Nein, Ludwig!" wehrte fie ab. Banz gebrochen schaute er zu ihr auf. Ich bitt Dich, Grete, hör mich an!" Er hatte der Treue ins Gesicht geschla­gen, waren ihre Gedanten, hatte ihr fun­ges Leben verdüstert. Die Gewissensangst war's, die aus ihm sprach. Das Böse be strafte fich felber. Sollte sie ihr Ohr ihm verschließen, wo er jo elend, so hinfällig war? Das wollte, das fonnte sie nicht.

Dichtbel lag ein Stoß Holz geschichtet. Daran lehnte er fich, inbes fie vor ihn stehen blieb.

Wahrscheins melnst Du, ich wär flat terig und gaufelig gewesen," begann er. Ich will Dir's geftehen: ich war viel Schlechter. Mir ist das Schlimmste passiert, was einem Menschen passieren tann. Ich hatt die Achtung vor mir selber verloren.

85 Du in Deiner Reingen weißt nicht, was das heißt: die Sünd auf dem Rüden tragen, in währender Blag und Bangigkeit sein, die Schandlafterlichkeit verfluchen und doch nicht widerstehen können!"

Er atmete schwer. Um feinen Mund legte sich ein bitterer Zug.

Mit voller Offenheit erzählte er ihr, wie ihn die Frau feines blinden Freundes in Ihre Schlingen gelodt hatte, wie er tiefer, immer tiefer gefunden war und in seiner Bematelung nicht mehr den Mut gefunden hatte, an sie zu schreiben. Wie er sich dann endlich losriß, wie ihn an dem Tag, ja in der Stunde, da er heimfahren wollte, das Telegramm erreichte, das ihn an das Ster belager feines Baters rief.

Daß er der Wahrheit teinen Mantel um. hängte, dachte Grete. daß er aufrichtig seine Bergehung bekannte, nicht den leisesten Bersuch machte, fich weiß zu brennen, min derte seine Schuld.

Ich wollt einen neuen Weg in der Het mat gehen," fuhr er fort, der war mir versperrt. Dem Bater fonnt ich die Hand nicht mehr geben, Du warst versprochen. Nur meine Mutter hat's sellemal gemerkt, mie unglücklich, wie verzweifelt ich war. Ich hatt einen Efel vor dem Leben. Aus dem Geschäft macht ich mir nichts. Wenn mir der Gesell was sagen tat, hatt ich's in der nächsten Minut vergessen. Ich war ganz verwergelt. Manchmal meint ich, th täm vom Verstand. Da war's meine Mu ter, die mich aus der Bedumpftheit zog und nicht nachließ, bis sie mich zur Arbeit bracht. Dabefür muß ich ihr ewig dankbar sein. Ich warf mich auf meine Kunst. Die braucht einen ganzen Mann. Ich wär ein Schlechter Handwerker. wurd geschwäßt. Da bran lag mir nichts. Ich spann mich ein. ' s war gewiß tein vertappter Stolz. Draußen wird man bescheiden. Ich wußt, was ich für ein Lernwert noch vor mir hatt. Die Mutter ging um mich herum. Dann tam die Hielt alles von mir ab. schreckliche Nacht und das Nachspiel mit dem Gericht. Ich hatte nur einen Gedanken: Die Grete, die Grete!" Die Krankheit tat mich belangen. Erst von der Schwester Trina hab ich erfahren, in was für einer Lag' Du bist, wie das Unglüd Dich gepackt hat und nicht mehr loslassen will!"

Er hielt inne, trat an sie heran und er griff ihre Hand.

Daß ich mich beischmieren will, Grete, fchäßst Du mir wohl nicht zu. Und wirft's nicht bös aufraffen, wenn ich Dir fag: Ich hab mein Brot und hab noch mehr. Nimmst Du's von einem an, daß er Dir hilft, bin ich der Nächste dazu!"

Ludwig," erwiderte fie, ihre Hand ihm entziehend, Ich weiß nun, wie alles mit Dir gekommen ist. Und das ist mir lieb. Für Dich. Und für mich. Das Unglüc geht an feinem vorüber. Jetzt trifft's mich. Ich halt still und trag's.' s scheint, Du tennst mich nicht mehr. Ich laß mir nicht helfen. Bon Dir nicht. Bon niemand nicht. Ich helf mir selbst!"

Bon der Stadt her näherten sich Leute. Da fchied sie von ihm und lehte ihren Weg fort.

Die Worte ihres aften Lehrers fangen ihr im Ohr: Die Menschen fönnen einem sehr wehtun, und man muß doch wieder Sutrauen zu ihnen lassen!" Dem Ludwig nicht zulieb und zuleld gesprochen: war er Schlecht? Was er in Stuttgart getan hatte, mochten andre junge Leute vielleicht gar