Die Neue Welt Kene
Illustriertes Unterhaltungsblatt
Arbeitertage und Arbeitergedenktage des Jahres 1869
m Sturm und Drang der Revolution hat die deutsche Sozialdemofratie wenig Muße und Neigung, Gedenkfeiern zu begehen. Indes kann die Partei nicht schweigend die 50jährige Wiederkehr einer Reihe von Vorgängen ihrer Entstehungsgeschichte verstreichen lassen. Nicht nur Gründe der Pietät gebieten, der Daten von 1869 nicht zu vergessen, sondern auch die Tatsache, daß für die gewaltig entfaltete Bewegung der Gegenwart doch so manche Lehre aus den im Vergleich zu heute winzigen Jugendzeiten vor einem halben Jahrhundert zu ziehen sind. Das Jahr 1869 war, was die Arbeiterbewegung angeht, tein Jahr wie viele andere, sondern von schwerwiegender Bedeutung, wie Bebel am Schluß des ersten Bandes seiner Memoiren hervorhebt, unter Hinweis darauf, daß die fozialdemokratische Arbeiterpartei Deutsch lands in diesem Jahre gegründet wurde. Dies Ereignis der Parteigeschichte aber ist nur im Zusammenhang mit einer Reihe von anderen Vorgängen des gleichen Jahres zu verstehen, das die deutschen Arbeitec bataillone in steigender Stärke und stür mischem Tempo auf dem Vormarsch zeigt, wobei freilich nicht zu übersehen ist eine weniger erhebende Neigung, getrennt zu marschieren und aufeinander loszuschlagen.
Unter diesen Zwiftigteiten litt nicht nur bie politische, sondern auch und ganz besonbers die gewerkschaftliche Bewegung, die im Vorjahr eingeleitet, sich stattlich zu ent wickeln begann. Auf der Hamburger Gene ralversammlung des von Lassalle begrün. deten Allgemeinen deutschen Arbeiterver eins war 1868 die Gewerkschaftsfrage an geschnitten worden, und es tam im Anschluß zu einem Arbeiterfongreß in Berlin , der zur Begründung eines zentralistischen Arbeiterschaftsverbandes mit persönlicher Spitze führte. Demgegenüber boten zweifellos organisatorische Vorteile die von Bebel entworfenen Statuten für Gewerksgenossenschaften, wie sie von dem Berband deutscher Arbeitervereine ausgingen, der sich in eben diesem Jahre 1868 zu Nürn berg auf den Boden der internationalen Arbeiteraffoziation gestellt hatte. Die Internationale hielt in jenem Jahre ihren Kon greß in Brüssel ab, wo Beschlüsse von ausgeprägt sozialistischem Wesen gefaßt wur ben. Go fonnte das von Wilhelm Liebknecht redigierte„ Demokratische Wochenblatt" im September 1868 unter Hinweis auf die Arbeitertagungen von Hamburg , Nürnberg
Bon A. Conrady
"
und Brüssel überall dieselben Bestrebungen, dieselben Ziele feststellen:„ Befreiung der Arbeit von den Fesseln des Kapitals, Beseitigung der Klassenherrschaft und der Lohnfflaverei, Schaffung eines auf Freiheit und Gleichberechtigung gegründeten Staates. Wie hier von führender Seite des Verbandes deutscher Arbeitervereine Uebereinstim mung mit dem allgemeinen deutschen Arbeiterverein im Endziel anerkannt wird, so wird von einem Wortführer des letzteren in den Anfängen des Jahres 1869 die Spaltung unter den verschiedenen Fraktionen der Arbeiterpartei lebhaft bedauert, die Hoffnung ausgesprochen, daß die Differenzen bald verschwinden würden, und die Ueberzeugung befundet, daß die Zeit nicht fern fei, wo sämtliche Sozialdemokraten Deutschlands in festgeschlossenen Reihen unter einem Banner fämpften. Mit diesen versöhnlichen Worten bedankte sich der Lassalleaner Hafenclever bei Bebel für die finanzielle Unterstügung seiner Wahl in den Reichstag durch den Verband deutscher Arbeitervereine. Hasenclevers Einzug in die Boltsvertretung des norddeutschen Bundes erfolgte im Januar 1869 gelegentlich einer Erfahwahl im rheinischen Wahlkreise Duis burg- Mühlheim und war um so mehr ein glänzender Erfolg der Lassalleaner, als der Sieg gleich im ersten Wahlgang erfolgte, während der folange einzige Abgeord nete des Allgemeinen deutschen Arbei tervereins, sein Präsident von Schweizer , bei den allgemeinen Wahlen fein Mandat in Elberfeld - Barmen erst in der Stichwahl davongetragen hatte. Im März 1869 fam dann noch ein Lassalleaner, Mende, von Freiberg aus in den Reichstag , während bei verschiedenen anderen Erfahwahlen sehr stattliche Stimm ziffern erzielt wurden.
Mende bildete aber zunächst mal eine Gruppe für sich; denn er war Präsident einer Absplitterung vom allgemeinen deut schen Arbeiterverein, bes sogenannten Laffalleschen allgemeinen deutschen ArbeiterDereins; feine eigentliche Seele war Lassalles Freundin, die Gräfin Hahfeldt, die dazu neigte, den Kurs der Arbeiterbewegung ins Bismardische Fahrwasser zu steuern. Eben dies nun wurde dem Vorsitzenden des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins don feinen sozialistischen Gegnern als fein angeb licher Verrat vorgeworfen. Man ging soweit, Schweizer geradezu als bezahlten Agenten der preußischen Regierung zu bezeichnen. Wenn aber von der einen Seite
behauptet wurde, daß Schweiger aus dem Welfenfonds gespeist würde, so blieb von der anderen Seite die nicht minder anmutige Erwiderung nicht aus, daß den Führern des Verbandes deutscher Arbeitervereine von den Welsen Geld zufließe. Diese gegen seitigen Anklagen führen nun darauf, wo die fachlichen Gründe der Fehde zu suchen find. Sie bestehen nicht in grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten in bezug auf das sozialistische Endziel, sondern in taktischen Differenzen in bezug auf die Stellungnahme zu Fragen der Tagespolitit. Es handelte sich in der Hauptsache um die brennende deutsche Frage. Da war von Bismarc durch den Bruderkrieg von 1866 und die Begründung des Norddeutschen Bundes eine Lösung im fleindeutschen Sinne angebahnt, die von feinem wirklichen Demokraten als Erfüls lung des Ideals deutscher Freiheit und Eins heit angesehen werden fonnte, weil sowohl die Freiheit unter dem überwiegenden Eins fluß des Preußentums außerordentlich zut wünschen übrig lassen mußte, als auch die Einheit bei dem Fortbestand zahlreicher Dynastengeschlechter und dem Ausschluß der Deutschösterreicher höchst unvollkommen blieb. Immerhin ließ sich nicht leugnen, daß auch diese mangelhafte Lösung der deuts schen Frage doch einen großen geschichtlichen Fortschritt für die Nation darstellte, und es fam darauf an, ob beim gegebenen Ber hältnis der politischen Kräfte eine baldige Ersetzung dieser Lösung durch eine befrie digendere denkbar war. Schweizer Schweißer und seine Freunde glaubten daran nicht, son fern sahen als geboten an, sich auf den Boden der vollendeten Tatsachen zu stellent und in dem neuen Rahmen die Intereffen der Arbeiter mit aller Energie zur Geltung zu bringen.
Demgegenüber waren Liebknecht und Bebel der Meinung, daß das Werk der Bismarckschen Politit bloß eine ganz vor übergehende Erscheinung sei und in Bälde durch den Sieg der großdeutsch- demokras tischen Ideen ungeschehen gemacht werdent fönne. Sonach waren fie für die bloße Ver neinung der Bismarckschen Politik, für die prinzipielle Verweigerung jeder Mitarbeit an der Schöpfung des Norddeutschen Buns des, dagegen für Handinhandgehen mit seinen demokratischen Gegnern. So erklärf fich, daß sie vorerst durch ihre Zugehörigkeit zur Sächsischen Volkspartei auch noch in Berbindung standen mit der Deutschen Volkspartei , von der jene ein Ableger war, und die Deutsche Volkspartei war zwar ein