Grete Ftllunger
j[anj ihrem Schmerz hingegeben saß Greie Ftllunger da. Der Pfarrer hatte ihren Vater einen alten Mann von allem Schrot und Korn genannt, der in seinem Kreis« dem Recht und der Wahrheit diente. Er hatte von der kurzen gHickHchen Ehe de» Heimgegangenen gesprochen, an sie, die Tochter, hatte er nur wenig« Worte gerich- tet. Dafür war sie ihm dantkir. Wae sie an ihrem Vater verloren, kannte nur da» eigne Herz ihr sagen. Sie hatte in unend- l icher Liebe an ihm gehangen, hotte zu ihm emporgesehen. Worum si« ihn immer be» neidete, m» war die stille Genügsamkeit, die ihm da» Leben umfriedet«. Sem Spruch war:„Man muß sich bescheiden mit dem, was man hat und muß den andern etwas Gute» gönnen!" Sie konnte sich nicht entsinnen, daß er jemals ärztliche Hilf« gebraucht. Und doch hatte er in keiner festen Haut gesteckt. Das war sie erst wahr ge» worden, als die Krankheit der letzten Wochen ihm so schnell die Kräfte benahm. Daß si« in den jungen Iahren allein stehen würde, daran hatte sie mit keinenr Gedanken ge- dacht. Vielerlei stürmte aus sie ein, vieler- bei war zu ordnen. Der nächsten Sorge war sie enthoben. Der Buchbinder Ibold ging ihr mit Rat und Tat zur Hand. Ludwig, sein Sohn, der, daF wußte sie, durch seine Mutter von allem unterrichtet war, hatte nicht» von sich hören lassen. Vielleicht schwang er sich noch zu ein paar Beileid». zeilen auf. Wenn er'» tat, wird« es nicht» daran ändern, daß er sich»»n Ihr abge- wandt hatte. Es gab eine Zeit, da er zu ihr sagte:„Hütt Ich Dich nicht, Grete, ich hielt's hier nicht aus!" Das war damals, als er seinem Vater in der Werkstatt erklärte: „Ich Hab da» Ausziehen»an Plakaten und die Pappbände satt. Ich will weiter. Was Du selbst nicht gelernt hast, kannst Du andre nicht lehren!" Der Riß ward größer und größer. Ludwig hatte kein Geheimnis»«r ihr und schenkte ihr sein volles Vertrauen. Er sah au» wie das Leiden Christi, und er dauerte sie. Sie kannte ihn durch und durch und wie» ihm den Weg«u» der Wirrnis heraus.„Ich begreif Deinen Bater nicht."
Roraa« von Alfred Bort sagt« sie.„Wer vorwärts will, dem Hilst man doch. So hart es mich trifft, Du mußt fort! Draußen siehst Du mtt tausend Augen. Und Du hast einen guten Kopf. Kommst Du heim und zeigst Deinem Vater, was Du kannst, wird er nicht so unversonnen sein, Dir das Feld zwerch zu machen, und Du richt'st Dir das Geschäft nach Deinem Ge- schmack ein!"„Goldammerchen," rief er wie befreit,„das ist mir aus der Seel' gefun- gen!" Und er fiel ihr nm den Hals und küßte sie. Bald danach schnürte er sein Bündel und ging.„Wir zwes wissen, wie wir miteinander stehen!" waren seine Ab- schiedsworte. SI» hatten sich nicht sörm-
(Fertfeduna)
Scherenschnitt von Hans Soetfch
(ich verlobt, aber fk betrachtete sich als seine Braut. In der Fremde erfuhr er erst eine Enttäuschung nach der andern. Er schaffte in Heidelberg , m Heilbronn und in Eß- lingen, ohne eine Stelle zu finden, die semen Wünschen und Erwartungen«nt- sprach. Endäch gelang«s ihm, bei einer Großbuchbinderel In Stuttgart anzukom- men. In der Haadbindeabieilung. die dein Betrieb angegliedert war. bildete er sich zum Kunsthandwerker au».„Die Glücks- sänne scheint nicht jedem." schrieb er ihr, „mir ist sie wirklich aufgegangen." Woche für Woche erhielt sie Bericht. Nach und nach kam ein ganzes Päcklein Briefe zu-
sammen. Sic hatte ihre belle Freude daran. Und sie glaubte seine Stimme zu hören: „Unter meinen Kollegen sind große Later» nen und kleine Lichter. Ich prosister von allen. Soviel Hab ich heraus: dem Buch- binder seine Kunst steckt nicht bloß in den Händen, sie steckt auch im Kops. Bin ich wieder daheim, gehtH nicht in der alten Leier fort. Ich will mir in meinem Hand- werk ein.m Namen machen. Der goldene Boden kommt dann von selbst!" Ein Bücherfreund in der Schweiz hatte seinem Haus an hundert Werk« in Oktav-, Quart- und Folioformat geschickt. Diese sollten auf» Kostbarste gebunden werden. Dem Gesellen Ludwig Ibold ward an der Arbeit Anteil gewährt. Das erfüllte ihn mit großer Be- friedigung. Wenn Grete an die Zukunft dachte, sah sie alles im günstigsten Licht, sah für sie beide das Nest gebaut. Ludwig hatte mittlermelle seine Wohnung gewechselt. Warum, darüber ließ er sich nicht weiter aus. Von da ab trafen seine Nochrichten spärlicher ein. Sechs, acht Wochen ließ er vergehen,«he er aus ihre Briefe Antwort gab. Mit einem Male verstummje er ganz. Ein Jahr war's her, daß er nicht mehr an sie geschrieben hatte. Seine Eltern sagten, er schaffe noch an derselben Stelle. Er hatt» sie aus feinem Kalender gestrichen. Das alt« Lied, das alte Leid: „Als die Treue ward gebor'n, Kroch sie in ein Iögerhorn, Der Jäger blies sie in den Wind, Darum man keine Treu' mehr sindtl" Den Dingen nachzuspüren, verbot jfr Stolz. Und sich an törichte Hoffnungen zu klammern, war nicht ihre Art. Der Traum war verflogen, es war vorbei. An Verehrern und Begehrcrn hatte es ihr nicht gefehlt. Und seltsam, der, den si« am derbsten abgewiesen, hatte ihr heut am Grab des Vaters die Hand gedrückt? Theobald Gonderl Er trug ihr nichts nach. Wie man auch über ihn denken mochte, Im Grunde war er herzensgut. i Ludwig Ibold, der Gesell, war gegen Abend von der Arbeit ge?»mmrn und haste es sich eben in seiner Stube beguem ge-