Jllustnerkes Ankerhalkungsblatt illunger er Schloffsr�schrie:„Glaubst Du. wir ließen uns von Dir so bru- tat behandeln? Mach Dich auf den Schindwafem zu Deinen Aescrn. Denen kannst Du die Haut voll schimpfen. Wir, Framdche, verbitten uns das!" Der Photograph Waltenberger, der ein philosophisch geschulter Mann war, versuchte, die erhitzten Gemüter zu beruhigen. „Meine Herren, ich glaube, die Wogen werden sich glätten, wenn wir uns zunächst einmal darüber klar werden, was persön- liche Freiheit bedeutet. Der Mensch hat Pflichten, er hat aber auch Rechte. Unter seinen Rechten steht die persönliche Frei- heit obenan. Sind Freiheit und Sittüchkcit etwa Gegensätze? Keineswegs. Der Mensch kann tun und lassen, was er will, solange er sich als moralisches Wesen empfindet, so- lange er die öffentliche Sicherheit nicht ge» fährdet. Meine Herren, weil die Witfrau Gonder mit dem Buchbinder Jbold aus dem Al.enburgskopf spazieren gegangen ist, scheint mir die Stadt und der Staat noch nicht zu wanken. Warum denn gleich Feuer schreien, wenn's aus einem Backofen raucht? Bor allen Dingen aber, meine Herren: es kommt nicht darauf an, was die Leute von einem Menschen halten, der springende Punkt ist, was der Mensch von sich selber hält. Soweit ich die junge Frau Gonder kenne, hat sie alle Ursache, recht viel von sich zu halten. Meine Herren, überlassen wir doch den Kleinschädeln und Sauersüchtigen das Maulieren. Nehmen wir einen höheren Standpunkt ein. Warten wir's ruhig ab, wie sich die Dinge entwickeln. Die Grete Gonder lebt mit ihrem Gewissen und geht den Weg, den sie gehen muß!" Der Photograph und Philosoph hatte mit seiner Rede kein Glück. Der Schlosser und der Messerschmied geiferten weiter. Die Gegenpartei blieb ihnen die Antwort nicht schuldig, und die Worte klirrten aneinander wie scharse Klingen. Erst als der Polizei- diener Krug in die Wirtsstube trat und den Gästen Feierabend bot, hatte der Spektahl fciri Ende. Grete saß eines Abends nach Schluß des Geschäfts in ihrer Stube und besserte e.in ÜXoman von Älfred Bock schadhaft gewordenes Waschkleid aus, als sich die Türe öffnet« und die Schulfreundin Elf: Röder horeintrat.> Grete legte sreudig überrascht ihre Arbeit beiseite. „Da kommt sa ein lieber Besuch!" Die kieiire, treuherzig drein blickend« Frau gab der Kameradin einen Kuß. „Weißt Du's denn nicht?" „Ich weiß nichts, Else." „Meine Eltern feiern übermorgen ihre silberne Hochzeit." „Ei was!" i „Deshalb bin Ich herübergefahren."; „Ro natürlich." „Meine Tante aus Laubach ist schon da. Wir erwarten noch den Onkel aus Gedern lSurtschimi) M1 Aus der große» französischen Revolution und meinen Vetter Eduard. Die wohnen in der Post." „Das gibt ja ein großes Fest" „Versteht sich. Den Braten liefert der Herr Rühlmann." „Daß er bestellt wurd, Hab ich gehört. Ich hatt aber keine Ahnung, wodesür." «„Mein Vater spricht, sellemol an seinem Hochzeitstag hätt er vor lauter Aufregung nichts essen können. Das will er über- morgen nachholen.", �rete lächelte. „Da hat er recht." „Ohne daß er seine Späßchen macht, kann er nicht leben," sagte Else und ließ sich nieder.> Grete rückte ihren Stuhl heran. „Will denn Dein Mann nicht kommen?" „Der hat keine Zeit," erwiderte Else. „Er reist jetzt für die Vilbeler Liköcfabrrk. Und ist ständig unterwegs. Und muß bek den Wirten schnurrpfeifen gehen, sonst kriegt ei nichts bestellt. Dann hat er schwind einen Stich, daß er auf keinem Bein stehen kann. Und das Getränk arbeitet In ihm. Und liegt ihm auf dem Magen. Und ich sitz da und ängstig mich!". „Da hast Du's auch nicht leicht!"> „'s hat jeder sein Lästchen zu tragen, Grete. Erst, wenn Ich soviel allein war. meint ich, ich müßt vor Brost vergehen. Und krag Heimweh. Und Hab geflennt. Und könnt mich nicht fassen. Nu wohnt gegenüber von uns ein alter Herr. Der schreibt sich Bindernagel. Er war Beamter in einer chemischen Fabrik und lebt setzt im Ruhestand, Er hatt' einen Satan von Frau. Die ist aber gestorben. In seinem fymS tat der Herr Vindernogek ein Zimmer her- richtm. Da legt' er Bücher und Zeitschrif- ten auf. Die Leut sollten kommen und lesen,'s sollt sie nichts kosten,'s ließ sich aber niemand blicken. Eines Tages kam er bei mich und sagt':„Junge Frau, Sie gucken wn Loch in die Luft und spinnen Trübsal. Können Sie sich denn nicht ent- schlkßen, ein gutes Buch zu lesen?"«O ja," sagt' ich und wurd feuerrot. Und da gab er mir Lücher. Und ich schlang's nur so in mich hinem. Aber das war nix. Ich wollt nicht nur lesen, Ich wollt auch was lernen. Und da las»ch so ein Buch zwei-, dreimal. Und sah. was die Menschen dadrin für eine Kraft und einen Willen hatten. Und wae denen für Gedanken durch den Kopf ge« gangen sind. Und daß sie wie unsereins Glück und Unglück hatten. Und daß sie doch ihren Glauben an die Ordnung in der Welt behielten. Manchmal las ich ganz laut, daß ich's besser verstand. Und meine Haus«
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36 (31.5.1919) 11
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