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Di« Neue Welt. ISuprlertes Untcrhaltungsdlatt.

dürgerkich-demokl-atisches Gebilde, Hütt« aber durch ihre grobdeutschen Tendenzen allerhand partikularistische und reaktionäre Konnexionen. Es läßt sich auch nicht tn Abrede stellen, daß Liebknecht im Lahre 1869 mitunter sehr erheblich entgleiste, in« dem er nicht nur berechtigten Sympathien für die österreichischen Deutschen Ausdruck verlieh, sondern sehr anfechtbaren für di» österreichische Regierung. Das lieferte nun Wortführern des Allgemeinen deutschen Arbeiteroereins Stoff zu heftigen Angriffen auf die Politik desDemokratischen Wochen« Natts*, während dieses tn den ersten Mona- ten des Jahres 1869 den Kampf gegen Schweitzer noch Bebels Ausdruck mit dem schwersten Geschütz sortletzte. Es kann nicht geleugnet werden, daß auch Schweitzer ge« legentllch die Feder oder die Zunge ausge- rutscht war zu mißverständlichen Aeußerun- Ien, die als Scheinbeweise sür di« Bezich- gung dienen konnten, daß er an Bismarck »erkaust sei. Im Februar 1869 kam es nun Mischenden beiden streitenden Gruppen zu einer Verein- barung, daß Liebknecht und Bebet Gelegen­heit haben sollten, ihre Anklagen gegen Schweitzer auf der bevorstehenden General« Versammlung des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins in Elberfeld zu fubstanti» ieren. Dies« Tagung fand wn 28. März und tn dm nächstfolgenden Tagen statt. Bemerkenswert ist der von der Lerfamm- kung angenommene Antrag Schweitzer« auf Anschluß des Vereins an die Internattonale: er wollte der International« der Reaktton »nd des Kapitals die Internationale des Proletariat» entgegengestellt wissen. Lieb- knecht und Bebel brachten ihr Material gegen den Präsidenten vor, erzieltm aber keinen Eindruck aus die Versammlung, und da» beantragte Vertrauensvotum für Schweitzer wäre zweifellos so gut wie ein- stimmig angenommen worden, wenn er nicht selbst durch un.zeittges diktatorisches Austreten bewirkt hätte, daß eine nennens- werte Minderheit dagegen stimnlte, und «den daraus erklärt sich auch zum Teil die weiterhin beschlossene Demokratisierung der Organisation, die bisher im wesentlichen auf die Präsidialdiktatur zugeschnitten ge- wesen war. Unverkennbar waren im Ver- ein selbst Möglichkeiten innerer Zerwürf- Nisse gegeben. Der Kampf nach außen ließ zunächst noch. Beide Richtungen der sozial- bemotra tischen Bewegung kamen Mitte April übereil-., sich gegenseitig nicht mehr anzufeinden. Nach Lage der Dinge konnte es sich aber nur um eine vorübergehende Waffenruhe handeln. Der Gegensatz brach schon bald wieder auf, zunächst wegen der llnvereinbarkett des Verhaltens beider Rich- Hungen.zur parlamentarischen Tätigkeit. Der Norddeutsche Reichstag hatte in diesem Frühjahr ein für di« Arbeiterschaft außerordentlich wichtiges Gesetz zu beraten, nämlich den Entwurf einer Gewerbeord- pung. Schon bei der ersten Lesung hielt Schweitzer am 17. März 1869 eine ausge- zeichnete Rede, in der er zunächst die Grund- begriffe des Sozialismus an der Land von Marx'Kapital* lichwoll entwickelte, zum ersten Male in Deutschland auf der Tribüne eines gesetzgebenden Körpers, wie er mit Genugtuung betonte. Im weiteren Verlauf seiner Rede äußert« er sich zu den Fragen der Gewerbeordnung, sprach für Koalittons- frecheit, Fabrikgesetzgebung, Statistik der Arbeite rverhältnisie und bekannt« sich zu dem Wunsch einer ruhigen und friedlichen Eni- Wicklung zum Sozialismus, wenn er auch nicht verhehlt«, baß er einen anderen Ver- lauf der Dinge für sehr wahrscheinlich halte. Was die Stellung zu den Parteien anging, so erklärte er die Arbeiter etnerfetts für abgeneigt, der liberalen Bourgeoisie die Kastanten ou« dem Feuer zu holen gegen die reakttonäre Staatsgewalt, andererseits aber auch nicht gesonnen, sich von der reak- ttonären Staatsgewalk gegen die Bour-

geoisie Hetzen zu lassen, sondern gewillt, auf ihrem eigenen Boden festzustehen. Er lieh ober auch keinen Zweisel bestehen, daß seine Rickstung bei den Fragen der Gewerbeord- nung Gewerbesreiheit, Freizügigkeit usw. mit der sinken Seite des Hauses stimmen werde, weil sie Fortentwicklung der öko- nomischen Verhältnisie vertrete. Das alles ist einwandfrei, und man verficht auch Schweitzers Freude darüber, daß die Vor- läge das Kvalittonsrecht der Arbeiter gefetz- sich festlegt. Das war eben einer der großen Fortschritte, die vor einem halben Jahr- hundert unleugbar gemacht wurden und offene Anerkennung verdienten, wenn auch sehr Erhebliches zu wünschen übrig blieb, die einschlägigen Bestimmungen nicht frei von Fallstricken waren Immerhin wurde, wie Schweitzer e? ausdrückt, ein fester, gefetz- sicher Rechtsboden für alle Gewerkschaften geschaffen, die freilich letzchm schon möglich gewesen waren bei einer vernünftigen Praxis der meisten Behörden, aber bislang doch von der Gnade der Polizei lebten. Daß sie ein« iragsSHIge Unterlage bekamen, war um so nöttger, als eben jetzt für ihre Ent- Wicklung und Betätigung die Umstände der- geftatt günstig wurden, daß die Unterneh- mer dadurch zur hefttgsten Abwehr angelrie- den werden mußten. Seit dem Frühjahr 1869 setzten nämlich an zahlreichen Stellen in Deutschland Streiks ein, von Zahlenver» hältnisien und von einer Nachhaltigkeit, wie sie bis dahin noch nicht gesehen worden waren. Berlin erlebte im Frühling eine große und ersolgretche Bewegung der Bau- arbelter, während in Hamburg viel von sich reden machte der hartnäckige Ausstand ner Arbeiter aus der Lauenfteinfchen Wagen- fadrik, der sich vom Sammer bis in den Herbst hineinzog Die Gewerkschaftsbe- wegung entwickelte sich unter diesen Um- ständen recht kräftig, und die Jahresver- sammlung der dem Allgemeinen deutschen Arbeiterverein angegliederten Arbeiterschas- ten, die am 22. Mai in Cassel zusammen­trat, wurde eine sehr stattliche Heerschau über zirka 50 000 Mitglieder der Lassale- schen Gewerkschaftsorgamsattonen. Dieser Auffchwunq aber hatte zur Da- seinsbedingung das Koalittonsrecht. wie es gleich anderen Fortschritten aus den Ver- Handlungen des Norddeutschen Reichstags hervorgegangen war, unter tätiger Mitwir­kung nicht nur des Lassalleaners Schweitzer, sondern auch des Vorsitzenden des Verban- des deutscher Arbeitervereine: August Bebel . So bleibt ziemlich schwer zu verstehen der Standpunkt des reinen Anttparlamentaris- mus, den am letzten Tage des Monats Mai in einer Berliner Vetsammlungerede Lieb- knecht einnahm. In diesem seinem Vortrag über die polittsche Stellung der Sozialdemo- kratie, insbesondere mit bezug auf den Reichstag , der, als Broschüre gedruckt, lange nachgewirkt hat, bezeichnete Liebknecht den Kampf im Reichetag als einen bloßen Scheinkampf, als eine bloße Komödie. Den Eoztosismus erklärt« er für eine Macht- frage, die in keinem Parlament, sondern nur auf der Straße, auf dem Schlachtfeld zu lösen fei. Alles Reden im Parlament erschien ihm als zwecklos und zweckloses Reden als ein Vergnügen für Toren. Von einem Versuch, die Gesetzgebung durch Parlamenteln* zu beeinflussen, wollte er nichts wissen, sondern erbtickte darin Kurz- sichttgkett und Verrat. Das ging auf Schweitzer, dessengroße Rede" er aus- drücklich anzog, aber es traf auch feinen engeren Freund Bebel, ' beb sich gleich Schweitzer eifrig an den Beratungen der Gewerbeordnung beteiligt hatte und dabei auch völlig im Sinne von TOarrnnd Engels handelte; Engels hatte sin Vörsahr Im Demokratischen Wochenblatt" nachdrücklichst auf die Notwendigkeit htngemieten. bei Be- ratung der Eerverbeinteressm alle Hebel in Bewegung zu setzen, um möglichst viel für die Interessen der Arbeiterklasse durchzu-

fetzen. So gab es denn auch zwischen Lieb- knecht und Bebel wegen der Stellungnahm« zum.Parlamenteln* Differenzen, bei deren -Erledigung der damalige Aattparlamen- torismus Liebknechts zunächst nicht in dem Maße beiseite geschoben wurde, wie es wün» schenswert gewesen wäre. Auf dem Stutt- garter Kongreß der lozialdemokrattlchen Arbeiterpartei im Jahre 1870 legten Lieb- knecht und Bebel eine Resolutton vor, die aus einem Kompromiß zwischen ihren An- schauungen hervorgegangen war. aber den Einfluß der Liebknechtschen Ideen deutlich zeigt. Danach beteiligte sich die Partei an den Wahlen lediglich aus agitatorischen Gründen Ihre Vertreter sollten im Reichs­te« soweit wie möglich im Interesse der Arbeiterklasse wirken, im ganzen aber sich negierend verhalten und bei jeder Gelegen­heit die Verhandlungen als nichtiges Komö­dienspiel entlarven Diese Resolutton er» klärte ein Delegierter aus Barmen für in- konsequent und beantragte, die Nichibeteili- gung an den Wahlen auszusprechen. Dies wurde abgelehnt und die Resolution ange- nommen. Es läßt sich aber nicht bestreiten, daß die Folgerichtigkeit auf feiten jenes Wuppertalers war. Soweit ging freilich auch Liebknecht nicht. Aber fein« Attacke auf das Parlamenteln* ging deshalb doch weit über . alles Maß hinaus. Wenn ste nun auch fattssch Bebel mit« traf, so war doch direkt hingewiesen nur auf Schweitzer, von dessennationalliberalem Sozialismus* Liebknecht nur mit Verach- tun« sprach. Somit konnte Schweitzer den Burgfrieden wohl als gebrochen ansehen. Im Zeichen Sinn« faßte er Vorgänge der nächsten Wochen auf, die stch auf einer thüringischen Agitationstour Bebels ab- spielten. Da sprach Bebel nicht allein vor Mitgliedern des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins im Sinne der Einigung der sozialdemokratischen Fraktionen, sondern hielt auch eine Schlußkonferenz in Eisenach ab, an der neben Mitgliedern beider sozia- listtschen Gruppen auch solch« der demo- kratischen Partei teilnahmen und ein« Reso- lutton annahmen, die nicht nur Beseitigung der Spaltung der. Arbeiterpartei forderte. sondern auch ihre Einigung mit der gesam- ten Demokrattschen Partei: Dies hätte nach Schweitzers Auffassung soviel bedeutet, wie den Allgemeinen- deutscher. Arbeiterverein in den Dienst bürgerlicher Zwecke stellen. Wenn man es ihm also schließlich nicht verübeln kann, daß er für ein« solche Einigungs- aktton wenig übrig hatte, so unternahm er dafür selber eine, die auch ihren Zweck ver» fehlen mußte. Es kam nämlich zu einer Verständigung mit der Gruppe Wende- Hotzfeldt im Sinn« einer Wiederherstellung der Einheit der Lassallefchen Partei auf Grund des ursprünglichen Statuts des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins . Am 18. Juni gab derSozialdemokrat" br- kannt, daß bis zum 22. eine Urabstimmung der Vereinsmitgsieder über einen Wiederzu- fammenfchluß mit den abgesplitterten Lafsalleanern auf dieser Grundlage statt» fischen solle. Dieser Schritt Schweitzers lief nun aber darauf hinaus, die in Elberfeld beschlossene Demokratisierung der Organi­sation rückgängig zu machen und die alle Präsidialdiktatur wiederaufzurichten. Dies sahen seine Gegner im Berein als eiqenttichen Zweck der ganzen Aktion an. Ihr« Antwort bestand darin, daß ste offen die Fahne der Rebellion gegen den Präsi- denten erhoben. Sie setzten sich mit Bebel und Liebknecht in Verbindung, und als Er» gebms einer Zusammenkunft in Magdeburg mn 22. Juni 1869 erfolgt« ein Aufruf an die Mitglieder de« Allgemeinen deutschen Arbettervernns, unterzeichnet van einer An­zahl bekannter Lassalleaner, darunter Bracke und Forck. Da« Dokument greift die Methoden Schweitzer» auf» schärfste an. Bei fewen Urhebern ist durch den Schwei tzenchenStaatsstreich im Kleinen"