5. „Das sehe ich anders“: Thematische Positionen junger Menschen Nach Paul Watzlawick ist es zwar – und wohl gerade in Wahlkampfzeiten – nicht möglich, nicht zu kommunizieren. Aber trotzdem ist Kommunikation nicht alles; letztlich braucht es Inhalte, die kommunikativ transportiert werden sollen. Auch in der Politik geht es in letzter Konsequenz um Inhalte. Entscheidungen zu Sachfragen, die verbindlich geregelt werden sollen, sind der Kern des Politischen. In diesem Kapitel wollen wir uns daher den inhaltlichen Positionen, die junge Menschen vertreten, widmen. Wenn von„jungen Menschen“ die Rede ist, mitunter gar von einer „jungen Generation“, schwingt häufig eine gewisse Homogenitätsannahme mit, so als würden alle jungen Menschen das Gleiche wollen. Zugleich ist aber auch – und gerade was junge Menschen betrifft – häufig von einem wachsenden Gendergap die Rede, was zumindest auf markante Unterschiede zwischen Geschlechtern hindeutet. Welche inhaltlichen Präferenzen junge Menschen haben und wie ähnlich oder unähnlich sich diese Präferenzen innerhalb der Gruppe junger Menschen sind, diesen Fragen wollen wir uns nun widmen. In Politik wie Politikwissenschaft können„Themen“ höchst Unterschiedliches bedeuten. Es kann um unterschiedliche Positionen gehen, aber ebenso um die Frage, welche Parteien als kompetent zur Lösung bestimmter drängender Probleme angesehen werden. Die Themen können sehr konkret sein(„Bürgergeld“), aber ebenso kann man sich Themen maximal abstrakt nähern, etwa wenn zwischen„linken“ und„rechten“ Positionen unterschieden wird. Um die thematischen Präferenzen junger Menschen in unseren Studien abzubilden, haben wir ihre Positionen auf verschiedenen Dimensionen erfasst. Dazu haben wir die jungen Menschen zunächst gefragt, wie links oder rechts sie sich selbst auf einer entsprechenden Links-Rechts-Skala verorten. Auf einer Abstraktionsstufe darunter haben wir nach den Positionen junger Menschen auf konkrete(re)n Politikfeldern gefragt, um ein noch differenzierteres Bild zu erhalten. Inwieweit unterstützen sie den Sozialstaat(und sind bereit, dafür auch mehr Steuern und Abgaben zu zahlen)? Wie halten sie es mit einem Mehr oder Weniger an Zuwanderung? Mehr oder weniger Gleichstellungsmaßnahmen(bezogen auf Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung)? Mehr oder weniger Europa? Wollen sie im Zweifelsfall eher Klimaschutz oder eher Wirtschaftswachstum? Insgesamt nehmen wir fünf verschiedene Politikfelder sowie eine allgemeine Links-Rechts-Selbsteinstufung in den Blick. Bei allen Fragen, die wir gestellt haben, konnten sich die Befragten auf elfstufigen Skalen einordnen. Für die folgende deskriptive Darstellung haben wir diese elfstufigen Skalen dabei so aufbereitet, dass in den Grafiken links jeweils die„linke“ Position steht, also mehr Sozialstaat, mehr Zuwanderung, mehr Gleichstellung, mehr Europa, Priorität für Klimaschutz(statt Wirtschaftswachstum). Zudem haben wir die elfstufigen Skalen zu fünf Positionen verdichtet: ganz links(1 und 2), eher links(3, 4 und 5), Mitte(6), eher rechts(7, 8 und 9), ganz rechts(10 und 11); für die Mittelwerte in Abbildung 18 werden dann wieder die ursprünglichen elfstufigen Skalen verwendet. Abbildung 17 zeigt die resultierenden Antwortverteilungen für die befragten jungen Menschen insgesamt. Dabei gilt es allerdings im Kopf zu behalten, dass wir in unserer Stichprobe sehr viele junge Menschen aus Städten(und Stadtstaaten) haben. Für die bisherigen Analysen zu Wahlberechtigung und politischer Kommunikation hat dies die Ergebnisse kaum beeinflusst. An dieser Stelle aber spielt – wie wir noch sehen werden – die regionale Herkunft der Befragten(Großstadt oder nicht) eine Rolle, weswegen wir auch erstmals auf die oben schon eingeführten Kontrastgruppen zurückgreifen werden. Die resultierenden Muster zeugen insgesamt von einer gewissen Linksorientierung unserer Befragten, ohne dass diese dominant wäre. Wir sehen, dass sich die Antworten auf alle Antwortkategorien verteilen. Und wir sehen gerade bei der Frage zum Sozialstaat(einschließlich der Frage nach der Bereitschaft, für mehr sozialstaatliche Leistungen auch gegebenenfalls mehr Steuern und Abgaben zu zahlen), dass sich hier sogar eine mehrheitlich„rechte“ Positionierung junger Menschen zeigt. Die stärkste Orientierung nach links gibt es – neben der allgemeinen Links-RechtsSelbsteinschätzung – beim Klimaschutz und der Frage nach Europa. Die Fragen nach mehr oder weniger Zuwanderung sowie mehr oder weniger Gleichstellungsmaßnahmen nehmen eine mittlere Position ein. Wenn wir allerdings die Ergebnisse in verschiedenen Teilgruppen junger Menschen betrachten, sortiert sich dieses Gesamtbild in anderer Art und Weise, wie Abbildung 18 zeigt. Vergleichsweise gering fallen dabei noch Altersunterschiede aus. Zwar zeigt sich tendenziell, dass sich 15-Jährige etwas weiter rechts einstufen als etwas ältere Befragte. 30 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.
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Überraschende Wahl, überraschende Stimmen : junge Menschen und die vorgezogene Bundestagswahl 2025
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