Buch 
Überraschende Wahl, überraschende Stimmen : junge Menschen und die vorgezogene Bundestagswahl 2025
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

6. I am serious: Wie junge Menschen zu ihren Wahlentscheidungen kommen Im letzten Schritt unserer Analyse wollen wir uns schließ­lich den Wahlentscheidungen junger Menschen widmen. Die schlussendliche Parteiwahl junger Menschen kennen wir dabei aus der repräsentativen Wahlstatistik der Bun­deswahlleiterin, die wir eingangs bereits erwähnt hatten, sehr genau. Die Linke hat demnach die größte Unterstüt­zung aus der Gruppe junger Menschen erhalten, gefolgt von der AfD. Zudem zeigte die repräsentative Wahlstatis­tik durchaus passend zu den Ergebnissen unseres letzten Kapitels hier einen geschlechtsspezifischen Unterschied: Während bei jungen Frauen die Linke sogar mit deutlichem Abstand ganz vorne lag, war es bei jungen Männern die AfD(Bundeswahlleiterin 2025, siehe auch Faas 2025). Wir wollen uns hier vor allem den Hintergründen der Wahl­entscheidungen junger Menschen widmen. Dafür werfen wir erstens einen Blick auf den Prozess ihrer Wahlentschei­dungen, betrachten aber zweitens ebenso, welche Parteien für welche jungen Menschen überhaupt infrage kommen. Für Letzteres können wir dabei an unsere Analysen zur Eu­ropawahl 2024 anknüpfen. 6.1 Der Prozess der Wahlentscheidung Abbildung 19 zeigt die Zustimmung junger Menschen zu verschiedenen Aussagen rund um den Prozess der Wahl­entscheidung einmal bezogen auf die Europawahl 2024, einmal bezogen auf die Bundestagswahl 2025. An den al­lermeisten Stellen resultieren dabei sehr ähnliche Ergebnis­se. Die höchsten Zustimmungswerte ergeben sich für die Zufriedenheit mit der eigenen Wahlentscheidung. Diese Zufriedenheit ist zwar nicht perfekt, aber im Mittel stim­men junge Menschen der AussageIch bin mit meiner Wahlentscheidung sehr zufrieden klar zu und dies in bei­den Wahlkontexten. Ebenfalls hohe Zustimmung findet die AussageIch wollte vor allem darauf hinwirken, dass nach der Wahl in konkreten Problemfeldern eine bestimmte Poli­tik gemacht wird. Junge Menschen haben demnach vor al­lem Sachfragen im Kopf, wenn sie ihre Wahlentscheidun­gen treffen. Im Lichte des vorhergehenden Teilkapitels und der dort beschriebenen Heterogenität thematischer Präfe­renzen bedeutet das allerdings auch, dass junge Menschen im Ergebnis zu sehr unterschiedlichen Wahlentscheidungen kommen können. Eine Aussage findet rund um beide Wahlen sehr starke Ab­lehnung:Ich habe meine Wahlentscheidung nicht ganz so ernst genommen. Vorwürfe in Richtung junger Menschen (gerade auch an 16- und 17-Jährige, die schon bei der Eu­ropawahl 2024 wahlberechtigt waren), sie ließen beim Wählen den nötigen Ernst vermissen und würden eher aus Spaß bestimmte Parteien wählen, finden zumindest in der Wahrnehmung junger Menschen keinerlei Entsprechung. Alle anderen Aussagen treffen eher auf mittlere Zustim­mungsraten. Dies gilt für expressives Wählen(Ich wollte vor allem ausdrücken, wofür ich politisch stehe, egal was nach der Wahl konkret passiert), strategisches Wählen ­(Ich wollte vor allem beeinflussen, welche Regierungskoali­tion sich nach der Wahl bildet, nur nach der Bundestags­wahl gefragt), personalisiertes Wählen(Bei meiner Wahl­entscheidung habe ich vor allem an bestimmte Politikerin­nen und Politiker gedacht), egoistisches Wählen(Ich habe vor allem daran gedacht, was mir persönlich nützt oder schadet) und Protestwählen(Ich wollte vor allem meine Unzufriedenheit mit der derzeitigen Politik zum Ausdruck bringen). Bei den drei letztgenannten personen-, eigen­nutz- und protestorientiertes Wählen sehen wir gleichwohl (etwas) höhere Werte rund um die Bundestagswahl als bei der Europawahl. Gerade das Spitzenpersonal prägt eine Bundestagswahlkampagne viel stärker, als das bei Europa­wahlen der Fall ist allen Bemühungen zum Trotz, auch Eu­ropawahlen zu personalisieren. Entsprechend sehen wir hier die größten Unterschiede zwischen den beiden Wahlen. Trotz dieser Vielfalt an Motiven kommen die jungen Men­schen mit ihren Wahlentscheidungen offenkundig gut klar, denn die AussageMeine Wahlentscheidung ist mir sehr schwergefallen wird im Mittel zurückgewiesen. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass dem Wahlverhal­ten jüngerer Menschen vonseiten älterer Menschen häufig mit gewissem Stirnrunzeln und Unverständnis begegnet wird, stellt sich natürlich die Frage, ob wir bezogen auf die­se verschiedenen Motive Altersunterschiede sehen. Die Antwort auf diese Frage liefert auf Basis der Berliner Stich­probe Abbildung 20. Dabei fallen die altersbezogenen Un­terschiede alles in allem sehr gering aus. Zufriedenheit mit der eigenen Wahlentscheidung findet sich ebenso für alle Altersgruppen wie eine hohe Sachfragenorientierung. Und alle Altersgruppen nehmen ihre Wahlentscheidung sehr ernst hier finden sich sogar die geringsten Altersunter­schiede überhaupt. Auch beim expressiven Wählen zeigen sich kaum Altersunterschiede. Bei den weiteren Aussagen finden wir gewisse Unterschie­de zwischen den Altersgruppen, allerdings in durchaus un­34 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.