10 Schattenmacht: Die Bürokratie „Unterhalb“ der Akteure auf der politischen Bühne kommt – wie oft in Ländern mit einer relativ hohen Volatilität des politischen Personals – der Ebene der Verwaltung eine wichtige Schlüsselposition zu. Gewöhnlich weit länger und sicherer im Sattel sitzend als die politischen Vorgesetzten und mit der entsprechenden Erfahrung ausgestattet, vermögen diese„Bürokraten“ die Entscheidungsprozesse wesentlich mitzugestalten. Ihr Interesse gilt dabei oft der Sicherung ihrer Stellung und der damit verbundenen Möglichkeit, diese in klingende Münze umzuwandeln. Am angenehmsten sind dieser Gruppe somit Verhältnisse, in denen die ihnen vorgesetzten Politiker zu schwach und zu kurzfristig im Amt sind, um ihre Stellung angreifen zu können. Gleichzeitig aber sind große Teile der Bürokratie dem Militär nicht grundsätzlich abgeneigt, da dessen Angehörige nicht nur eine ähnlich hierarchische Denkweise pflegen, sondern oft auch derselben Gesellschaftsschicht entstammen oder sogar die gleichen Bildungseinrichtungen durchlaufen haben. Der gegenwärtige Status quo häufig wechselnder Spitzenpolitiker im Schatten eines starken Militärs kann sich somit der wohlwollenden Unterstützung durch die Bürokraten sicher sein. Trotz einer strikten Quotenregelung erleichtert das im Durchschnitt bessere Bildungsniveau es insbesondere Punjabis und Mohajirs sowie in letzter Zeit auch Paschtunen, in der Verwaltung Karriere zu machen. Traditionelle Macht: Clanstrukturen und ethnische Gruppierungen Am Rande der etablierten Strukturen des pakistanischen Machtgefüges steht mit den Clanchefs der Stammesgebiete in der NWFP und in Balutschistan eine weitere Gruppe. Sie genießen fast völlige Autonomie gegenüber dem Staat und haben innerhalb ihrer Territorien nahezu absolute Regierungsgewalt über eine praktisch kompromisslos loyale und von freier Information fast vollständig isolierte und somit leicht manipulierbare Bevölkerung, die in ihrer Gesamtzahl in die Millionen geht. Es sind diese fast FES Analyse: Pakistan unkontrollierbaren Gebiete, die im Verdacht stehen, den afghanischen Taliban als Rekrutierungs- und Rückzugsraum gedient zu haben und – überwiegend ausländischen – Kämpfern gegen die US-Besatzung in Afghanistan oder gar im Irak Zuflucht zu gewähren. Die Jagd nach Usama bin Ladin konzentriert sich auf diese Region. Politisch verfolgen die Clanchefs ihre eigenen – oft auch ökonomischen – Interessen, sind aber häufig untereinander verfeindet und somit bisher nicht in der Lage, gemeinsam als eine unabhängige politische Kraft aufzutreten. Stattdessen versuchen sie, ihr politisches Gewicht individuell mit dem Ziel günstiger Deals mit der Regierung in die Waagschale zu werfen, was natürlich zu einer gewissen Präferenz für die demokratische Regierungsform führt, die solche Kompromisse erleichtert. So hat in den vergangenen Monaten unter dem Banner der Terrorismusbekämpfung erstmals in der Geschichte des Landes pakistanisches Militär gegen den Willen der örtlichen Clanchefs Operationen in einem der Stammesgebiete durchgeführt. Eine demokratisch gewählte Regierung wäre wahrscheinlich eher als General Musharraf willens gewesen, auf dem Verhandlungsweg nach einer Lösung zu suchen, bei der beide Seiten gewonnen hätten. Gleichzeitig aber beziehen die Clanchefs ihre lokale Macht aus der Erhaltung des Status quo, so dass auch bei dieser, sozial überaus konservativen Gruppe politische Umwälzungen größeren Ausmaßes kaum Unterstützung finden würden. Im Blick auf die ethnische Vielfalt der Bevölkerung war der pakistanische Staat stets bemüht, politischen Einfluss ebenso wie finanzielle Ströme streng nach dem jeweiligen Anteil an der Gesamtbevölkerung auf die Provinzen zu verteilen. Dies gelingt allerdings nur sehr unvollkommen angesichts der Dominanz der Punjabis, die nicht nur nahezu die Hälfte aller Pakistanis ausmachen, sondern zudem(nicht zuletzt aufgrund der Quotenregelung) in der Verwaltung und insbesondere in den Streitkräften, also den beiden nicht gewählten Machtzentren des Landes, stark überrepräsentiert sind. Auch wenn es seit einigen Jahren den Paschtunen mehr und mehr gelingt, in diesen Bereichen ebenfalls eine starke Position zu erreichen, so bleiben vorwie-
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