10 FES Analyse: Afghanistan Kampf gegen die Taliban Der anhaltende Kampf gegen die Taliban erwies sich für den Friedensprozess als schwere Bürde. So entwickelten sich Süd- und Südostafghanistan zu Kampfzonen, die einen Wiederaufbau kaum erlaubten. Die vornehmlich US-Soldaten umfassenden Streitkräfte der Coalition against Terrorism in Afghanistan belaufen sich auf 10.000 bis 20.000 Mann, die zum Ziel haben, Taliban und al-Qaida zu vernichten. Groß angelegte militärische Operationen der Coalition against Terrorism stießen jedoch ein ums andere Mal ins Leere. Die Bombardierung von Tora Bora im Dezember 2001, die Operation Anaconda im März 2002 und die Operation Mountain Storm im März 2004 zeitigten kaum Erfolge. Auch gelang es nicht, Führer wie Osama bin Laden oder Mullah Omar ausfindig zu machen. Ein weiteres Problem ist, dass die Bevölkerung in Süd- und Südostafghanistan den Antiterrorkrieg negativ bewertete, da wiederholt zivile Ziele unter Beschuss gerieten. So wurden die Koalitionstruppen in Ränkespiele zwischen konkurrierenden Kriegsfürsten eingesogen und griffen anstelle von vermuteten Taliban die ärgsten Widersacher des einen oder anderen Warlords an. Im Zusammenhang mit dem Gefängnisskandal von Abu Ghraib gerieten zudem die US-Aktionen in Afghanistan ins Visier. So wurden Folter- und Todesfälle von Afghanen in US-Gewahrsam bekannt. Am 15. September 2004 verurteilte ein afghanisches Gericht drei US-Bürger, die auf eigene Initiative Terroristen in Afghanistan jagten und ein Privatgefängnisses in Kabul hielten, zu zehn bzw. acht Jahren Haft. Dass diese Aktivitäten im Auftrag des US-Militärs durchgeführt wurden, wie die Angeklagten betonten, konnte nicht nachgewiesen werde. Die Taliban entwickelten sich zum Sammelbecken derjenigen Kräfte, die mit der herrschenden Situation unzufrieden waren: Im Frühjahr 2002 schloss sich Gulbuddin Hekmatyar, einer der wichtigsten Mujahidin-Führer der 1980er Jahre, den Taliban an, um die afghanische Regierung und die„ausländischen Kreuzritter“ zu bekämpfen. Vor dem Hintergrund der zunächst schwachen Stellung Präsident Hamid Karzais innerhalb der Regierung spielten die Taliban zudem die ethnische Karte und mobilisierten Paschtunen, die sich von der neuen Regierung ausgeschlossen oder durch die militärischen Operationen in ihren Stammesgebieten bedroht und gedemütigt fühlten. So bezieht sich der Begriff„Taliban“ gegenwärtig auf ganz unterschiedliche Akteure, die aus divergierenden Motivationen in Kämpfe mit der afghanischen Armee und den US-Streitkräften verwickelt sind. Die Taliban nutzen das unwegsame Terrain im Grenzgebiet zu Pakistan, um sich den Antiterroroperationen zu entziehen. Ihrerseits verlegten sie sich auf die Durchführung gezielter Attentate und Anschläge. Fast täglich wurden Raketen auf US-Stützpunkte abgefeuert. Seit Beginn des Jahres 2003 wurden besonders „weiche Ziele“ wie Mitarbeiter, Fahrzeuge und Büros von NROs im Süden und Südosten des Landes überfallen. Dies führte dazu, dass viele Hilfsorganisationen hier ihre Tätigkeit aussetzten. Am 28. Juli 2004 stellte die Organisation Ärzte ohne Grenzen sämtliche Projekte in Afghanistan ein, nachdem die Ermordung von Mitarbeitern in der Provinz Kunar unaufgeklärt blieb. Seit Herbst 2004 nahm die Anzahl der Gewalthandlungen in Süd- und Südostafghanistan ab, was US-Militärs auf die Erfolge ihrer militärischen Operationen zurückführen. Die Tatsache, dass die meisten Attacken aus dem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet heraus geführt werden, verstimmte seit Sommer 2003 ernsthaft die Beziehungen zwischen Afghanistan und Pakistan. Im Juli 2003 und im Januar 2005 lieferten sich afghanische und pakistanische Truppen an der gemeinsamen Grenze Gefechte, und am 7. Juli 2003 verwüsteten aufgebrachte afghanische Demonstranten die pakistanische Botschaft in Kabul.
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