Ende der Informations-Steinzeit? Mit der Telematik soll ein neues Kapitel in der Mobilität aufgeschlagen werden: Verkehrsprognosen und Straßenzustandsberichte könnten bald rund um die Uhr und überall abrufbar werden. Experten erwarten spürbare Verbesserungen im Verkehrsmanagement und Lenkungseffekte zugunsten einer Verkehrsverlagerung. Datenschutz und Umwelteffekte der neuen Technologie bereiten dagegen Sorgen. Im Mittelpunkt der Diskussionsrunde des Gesprächskreises„Innovative Verkehrspolitik“ standen die Chancen und Grenzen der neuen Technik. Ein verregneter Tag im Jahre 2004. Der Berliner Handelsvertreter Dieter Durchschnitt checkt für seine in zwei Tagen anstehende Dienstreise die Verkehrsprognose. Er tippt den Reisetag und den Zielort„Stuttgart, Novotel“ in sein Infohandy, dann die gewünschte Ankunftszeit und schon fließen die Auskünfte. Der kleine elektronische Verkehrsassistent prophezeit durchgehend zähflüssigen Verkehr von der Berliner Avus bis nach Potsdam, dazu von 15.30 bis 17.45 Uhr lange Staus auf der Autobahn Nürnberg-Heilbronn-Stuttgart. Vor allem am Weinsberger Kreuz soll es übermorgen ungemütlich eng werden. Die angezeigte Ausweichroute führt weit in das schwäbische Land. Der elektronische Navigator seines BMW würde ihn zwar problemlos durchlotsen, aber es würde mindestens eine Stunde länger dauern. Auch sein Lieblingsparkhaus in der Stuttgarter City wird am Reisetag voll sein. Der elektronische Gehilfe warnt vor dem Innenstadt-Verkehr, denn der VfB hat im Uefa-Pokal abends ein Heimspiel und die Oper gibt Verdis„Aida“. Und dann hat Daimler-Benz auch noch Betriebsfest. Schlechte Vorzeichen für eine Autofahrt. Der Handelsvertreter lässt sich die Alternativen zum Pkw anzeigen. Der Lufthansa-Flug um 16 Uhr ab Tegel hat noch 43 Plätze frei, aber der Preis von 360 Euro ist ganz schön happig das gibt Ärger mit dem Chef. Bleibt noch der Intercity ab Bahnhof Zoo um 13.10 Uhr. Das Infohandy signalisiert nach einer kleinen Werbeunterbrechung –“Reisen Sie gut, reisen Sie mit Snickers!“ –, dass der Zug in der 1. Klasse noch sieben Fensterplätze frei hat. In Stuttgart könnte er dann die S-Bahn im 8-Minuten-Takt vom Bahnhof fast direkt bis zum Hotel nehmen, außerdem blinkt auf dem Minimonitor noch das Emblem des DB-Sammeltaxis, das direkt nach der Ankunft um 18.37 Uhr abfährt. Das passt. Der Handelsvertreter drückt auf „Ende“, schaltet aber vorsorglich den stand-by-Betrieb ein, damit ihn der sonore Piepton auf überraschende Änderungen der Verkehrslage hinweisen kann. Fünf Minuten später ruft Kollege Mustermann an, der ihn begleiten wird. Er hat soeben auf dem LCD-Bildschirm der öffentlichen Telefonzelle am Alexanderplatz die Verkehrsaussichten abgefragt und weiß schon Bescheid.„Alles klar Dieter, wir nehmen den ICE. Ich buche!“ Wird so die von der Telematik revolutionierte Mobilitätszukunft aussehen? Wird die Verkehrsprognose so alltäglich sein wie der Wetterbericht? Werden Verkehrsinformationen jederzeit und überall abrufbar sein? Der kleine persönliche Minicomputer als allwissende Verkehrsleitstelle, die wie Telefon und Bügeleisen zu jedem Haushalt gehört? Das Auto schon ab Werk mit GPS ausgerüstet, dem Global Positioning Systeme, das via Satellit selbst 25
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Deutschland mobil : Probleme - Debatten - Lösungen ; eine Dokumentation über die Arbeit des Arbeitskeises "Innovative Verkehrspolitik" 1997 - 2001
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