Wachstum in den Stau? In Zeiten eines ungebremst wachsenden Verkehrs wird die Mobilitätssicherung zu einem immer größeren Problem. Der Gesprächskreis„Innovative Verkehrspolitik“ diskutierte über Lenkungsstrategien und Möglichkeiten einer Verlagerung des Straßenverkehrs. „Fährst Du mit der Bahn, dann kannst Du was erleben!“ Wer heute einen internationalen Gütertransport durch mehrere Länder möglichst umweltfreundlich abwickeln will, wird dieser Erkenntnis ganz neue Sinngehalte abgewinnen. Abenteuer auf der Schiene: Während der Lkw-Spediteur für seinen Kunden innerhalb von Minuten ein Angebot mit Routenplanung und detaillierter Transportabwicklung zusammenstellt, kann das bei der Bahn schon mal ein, zwei Wochen dauern. Im vereinten Europa von 1997„hat die Eisenbahn immer noch eine Organisation wie vor 130 Jahren,“ kritisiert der Karlsruher Verkehrswissenschaftler Werner Rothengatter. Die herrschende Kleinstaaterei mache einen Schienentransport quer durch den Kontinent fast unmöglich. Untersuchungen zur Konkurrenzfähigkeit der Bahn hätten einen insgesamt„erschreckenden Qualitätszustand“ offenbart. Zugleich werde die Schiene im Wettbewerb mit der Straße systematisch benachteiligt. Beides zusammen- mangelnde Attraktivität einerseits und Wettbewerbsverzerrungen andererseits – haben nach Rothengatters Einschätzung dafür gesorgt, dass der Anteil der von Zügen transportierten Güter von 32 Prozent(1970) auf 14,5 Prozent(1994) in den Keller gefallen ist. Tendenz: weiter abwärts. Der Verkehrsprofessor vom Institut für Wirtschaftspolitik der Universität Karlsruhe war der Hauptreferent beim zweiten Treffen des Gesprächskreises„Innovative Verkehrspolitik“, zu dem die Friedrich- Ebert-Stiftung im September 1997 renommierte Experten nach Düsseldorf eingeladen hatte. Wie kann man den eskalierenden Straßenverkehr stärker auf Schiene und Wasser verlagern? Das war die zentrale Fragestellung. Daneben diskutierte die Runde über neue Finanzierungskonzepte im Verkehr, über die„intelligente Straße“, die Verkehrssicherheit, über neue und alte Mobilitätsbegriffe, über„guten“ und„schlechten“ Verkehr und über den Bundesverkehrswegeplan, der als langfristiger Planungsrahmen für den Infrastrukturausbau zunehmend zu versagen droht. Mitte nächsten Jahres will der Gesprächskreis der Öffentlichkeit sein Konzept für eine innovative Verkehrspolitik vorlegen. Wettbewerbsverzerrungen zu Lasten der Schiene Verkehrspolitik bedeutet heute mehr denn je, die Mobilität für den Bürger überhaupt noch aufrecht zu erhalten.„Die Leute lieben die Mobilität,“ beschrieb Marcus Breitschwerdt, Bereichsleiter Verkehr und Umwelt bei Daimler-Benz, die beinahe libidinösen Bindungen des modernen Menschen an Bewegung und Vorwärtskommen. Doch wenn das Auto im Stau mit schon fast naturgesetzlicher Regelmäßigkeit zur Immobilie verkommt, stellt sich mit zunehmender Brisanz die Frage, wie eine umweltfreundliche Verlagerung von Straßenverkehr 61
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Deutschland mobil : Probleme - Debatten - Lösungen ; eine Dokumentation über die Arbeit des Arbeitskeises "Innovative Verkehrspolitik" 1997 - 2001
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