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Deutschland mobil : Probleme - Debatten - Lösungen ; eine Dokumentation über die Arbeit des Arbeitskeises "Innovative Verkehrspolitik" 1997 - 2001
Entstehung
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Die große Trendwende im Güterverkehr wird es nicht ge­ben Mehr Konkurrenz auf der Schiene und ein Ende der Kleinstaaterei in Europa sollen die Schiene auf Touren bringen. Aber: Der Schienengüterverkehr braucht auch Chancengleichheit, fairere Wettbewerbsbedingungen und eine bessere Arbeitstei­lung mit dem Lkw. Alle lieben sie. Und alle Industrie, Bürger, Spediteure und Politiker wünschen ihren Er­folg. Doch bislang vergeblich. Allen Anstrengungen zum Trotz fährt die Schiene im Güter­verkehr weiter hinterher. Während das Transportvolumen im europäischen Binnenmarkt explodiert und der Markt größer ist als jemals zuvor, verliert die Schiene dramatisch an Ter­rain, und eine Trendumkehr ist weit und breit nicht in Sicht. Im Gegenteil:Wir gehen erst mal durch ein noch tieferes Tal, kündigte Eberhard Sinnecker, Vorstandsvorsitzender der DB Cargo für die weitere Sanierung seines Unternehmens an.Wir werden unser System rigoros durchforsten und alle unrentablen Verkehre abstoßen. Die Bahn müsse sich noch stärker auf die lange Strecke konzentrieren und bestimmte Angebote auf der kurzen und mittleren Strecke einstellen,dort wo es reine Verlustveranstaltungen sind. Es mache kei­nen Sinn, an eine Lok drei Wagen anzuhängen unddann irgendwo in der Pamparumzu­fahren, die Bahn braucht Menge, und die Bahn braucht Distanzen, auf den kurzen Strecken ist der Lkw einfach flexibler. Wegen dieserRückwärtsstrategie musste sich Sinnecker massive Vorwürfe anhören.Wir brauchen eine Offensive der Bahn, wir brauchen keinen Rückzug, sondern mehr Innovati­onsgeist und eine aggressive Marktpolitik, ärgerte sich der Kasseler Verkehrswissenschaft­ler Helmut Holzapfel. Wo seien denn die strategischen Überlegungen des Unternehmens, seine Gütertransporte künftig um 30% zu erhöhen, fragte Axel Friedrich, Verkehrsdirektor am Berliner Umweltbundesamt. Und Heiner Monheim, Verkehrsprofessor der Uni Trier, wollte wissen, wann die Bahn endlich das leiste, was die Schiene heute alles kann. Mon­heims Diagnose: Die Bahn katapultiere sich selbst aus dem Geschäft, weil sie mit einer lausig veralteten Technik operiere und sich in selbstmörderischer Weise auf ein kleines Marktseg­ment zurückziehe.Die Bahn als das größte Transportunternehmen Deutschlands sagt, ich kann fast nichts, lasst mich bloß in Ruhe da stehen einem doch die Haare zu Berge, so der Trierer Wissenschaftler. Die Kontroverse um die Strategie von DB Cargo sorgte beim 6. Treffen des Gesprächskreises Innovative Verkehrspolitik der Friedrich-Ebert- Stiftung in Bonn für eine leidenschaftliche Debatte. Tagungsleiter Jürgen Heyer, Verkehrsminister in Sachsen-Anhalt, hatte Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gewerkschaften zu dieser temperamentvollen und phasenweise auch emotionsgeladenen Diskussionsveranstaltung eingeladen. Generalthema waren dieChancen für die Verlagerung von Gütertransporten auf die Schiene. Im Mittel­punkt der Diskussion stand neben einer Bestandsaufnahme des Güterverkehrs in der Bun­desrepublik und Europa mit seinen aktuellen Problemen vor allem der Blick in die Zukunft: 69