Die große Trendwende im Güterverkehr wird es nicht geben Mehr Konkurrenz auf der Schiene und ein Ende der Kleinstaaterei in Europa sollen die Schiene auf Touren bringen. Aber: Der Schienengüterverkehr braucht auch Chancengleichheit, fairere Wettbewerbsbedingungen und eine bessere Arbeitsteilung mit dem Lkw. Alle lieben sie. Und alle – Industrie, Bürger, Spediteure und Politiker – wünschen ihren Erfolg. Doch bislang vergeblich. Allen Anstrengungen zum Trotz fährt die Schiene im Güterverkehr weiter hinterher. Während das Transportvolumen im europäischen Binnenmarkt explodiert und der Markt größer ist als jemals zuvor, verliert die Schiene dramatisch an Terrain, und eine Trendumkehr ist weit und breit nicht in Sicht. Im Gegenteil:„Wir gehen erst ’mal durch ein noch tieferes Tal,“ kündigte Eberhard Sinnecker, Vorstandsvorsitzender der DB Cargo für die weitere Sanierung seines Unternehmens an.„Wir werden unser System rigoros durchforsten und alle unrentablen Verkehre abstoßen.“ Die Bahn müsse sich noch stärker auf die lange Strecke konzentrieren und bestimmte Angebote auf der kurzen und mittleren Strecke einstellen,„dort wo es reine Verlustveranstaltungen sind.“ Es mache keinen Sinn, an eine Lok drei Wagen anzuhängen und„dann irgendwo in der Pampa’rumzufahren, die Bahn braucht Menge, und die Bahn braucht Distanzen, auf den kurzen Strecken ist der Lkw einfach flexibler.“ Wegen dieser„Rückwärtsstrategie“ musste sich Sinnecker massive Vorwürfe anhören.„Wir brauchen eine Offensive der Bahn, wir brauchen keinen Rückzug, sondern mehr Innovationsgeist und eine aggressive Marktpolitik,“ ärgerte sich der Kasseler Verkehrswissenschaftler Helmut Holzapfel. Wo seien denn die strategischen Überlegungen des Unternehmens, seine Gütertransporte künftig um 30% zu erhöhen, fragte Axel Friedrich, Verkehrsdirektor am Berliner Umweltbundesamt. Und Heiner Monheim, Verkehrsprofessor der Uni Trier, wollte wissen, wann die Bahn endlich das leiste, was die Schiene heute alles kann. Monheims Diagnose: Die Bahn katapultiere sich selbst aus dem Geschäft, weil sie mit einer lausig veralteten Technik operiere und sich in selbstmörderischer Weise auf ein kleines Marktsegment zurückziehe.„Die Bahn als das größte Transportunternehmen Deutschlands sagt, ich kann fast nichts, lasst mich bloß in Ruhe – da stehen einem doch die Haare zu Berge,“ so der Trierer Wissenschaftler. Die Kontroverse um die Strategie von DB Cargo sorgte beim 6. Treffen des Gesprächskreises „Innovative Verkehrspolitik“ der Friedrich-Ebert- Stiftung in Bonn für eine leidenschaftliche Debatte. Tagungsleiter Jürgen Heyer, Verkehrsminister in Sachsen-Anhalt, hatte Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gewerkschaften zu dieser temperamentvollen und phasenweise auch emotionsgeladenen Diskussionsveranstaltung eingeladen. Generalthema waren die„Chancen für die Verlagerung von Gütertransporten auf die Schiene“. Im Mittelpunkt der Diskussion stand neben einer Bestandsaufnahme des Güterverkehrs in der Bundesrepublik und Europa mit seinen aktuellen Problemen vor allem der Blick in die Zukunft: 69
Druckschrift
Deutschland mobil : Probleme - Debatten - Lösungen ; eine Dokumentation über die Arbeit des Arbeitskeises "Innovative Verkehrspolitik" 1997 - 2001
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten