FES-Analyse: Italien 5 Die Wahlen 2006 möglicher Schlusspunkt der Transitionsphase Als Fortsetzung der langen Übergangsphase der italienischen Demokratie, zugleich aber auch als ihr möglicher Schlusspunkt: So erschienen im Vorfeld die Parlamentswahlen des April 2006. Denn der Ausgang der Regionalwahlen im April 2005, mit dem Debakel Berlusconis und dem Erdrutschsieg des ProdiBündnisses, verhieß ebenso wie alle Umfragen vor den Wahlen ein eindeutiges Resultat: das politische Ende Berlusconis und damit das Verschwinden des „Faktors B“ aus der italienischen Politik. Ein eindeutiges Wahlresultat bei den Parlamentswahlen 2006 hätte die Voraussetzungen für die Rückkehr Italiens zu demokratischer Normalität schaffen können: • Auf der Rechten war mit dem für sicher gehaltenen Scheitern Berlusconis die Erwartung verknüpft, er werde sich aus der Politik zurückziehen. Damit schien das Auseinanderbrechen seiner Partei Forza Italia und in dessen Gefolge das Entstehen einer nicht mehr exklusiv ans Charisma eines Leaders gebundenen, großen konservativen Partei möglich. • Auf der Linken hatte Prodi schon im Vorfeld der Wahlen seinen Willen bekundet, die Ausnahmesituation zu überwinden, in der er sich als„Leader ohne Partei“ befand. Prodi favorisierte das Entstehen einer großen„Demokratischen Partei“, in der wichtige Kräfte seiner Mitte-Links-Koalition zusammenfinden sollten und die das Kraftzentrum der Koalition werden konnte. Ein überzeugender Wahlsieg war eine entscheidende Voraussetzung, um Prodi mit dem Mandat auszustatten, das Parteigründungsprojekt zügig voranzutreiben. • Zudem war ein überzeugender Wählerauftrag für Prodi von zentraler Bedeutung, um mit der großen Zersplitterung und Heterogenität seiner Koalition an der Regierung problemlos fertig zu werden. Nicht zuletzt zusammengeschweißt durch den „Faktor B“, die über alle Trennlinien hinweg einigende Gegnerschaft zu Berlusconi, hatten in der Mitte-Links-Allianz Parteien zusammengefunden, deren Spannbreite von Kommunisten zu Christdemokraten reichte. Das Bündnis, das 2006 als „Unione“ antrat, vereinte eine Unzahl von Listen, von denen schließlich 13 im Parlament und neun in der Regierung vertreten sein sollten. Den Kern der „Unione“ bilden zwei Parteien: die Linksdemokraten und die 2001 aus der christdemokratischen PPI und liberaldemokratischen Kräften entstandenen Margherita. Doch Linksdemokraten und Margherita standen zusammen nur für etwa 30% der Stimmen. Ihr Verhältnis war – trotz der gemeinsamen Unterstützung Prodis und der verbalen Befürwortung des Projektes einer Demokratischen Partei – von hoher Rivalität gekennzeichnet. • Zugleich schien mit der erwarteten Ablösung Berlusconis als Führer der italienischen Rechten das Ende einer weiteren italienischen Anomalie möglich: der Tatsache, dass die beiden politischen Lager einander als Gefahr für die Demokratie und eher als Feinde denn als Gegner betrachten. Berlusconi galt schon allein wegen seines offensichtlichen Interessenkonflikts, der ihm als in die Politik gegangenen Medienunternehmer entstand, als Gefahr für die Demokratie. Er antwortete seinerseits – mit großem Erfolg bei der eigenen Wählerschaft –, indem er eine Allianz aus„Kommunisten“ und„roten Staatsanwälten“ beschwor, die seit jeher versuche, die Rechte mit einem„Justizputsch“(d.h. mit den Verfahren gegen Berlusconi wegen Steuerhinterziehung, Bilanzfälschung, Korruption etc.) auszuschalten. Ein Ausscheiden Berlusconis aus der Politik hätte hier für eine Beruhigung der Auseinandersetzung sorgen können. • Und schließlich hätte Prodi, ausgestattet mit einem überzeugenden Mandat der Wähler, all jene Anomalien beseitigen können, die der damalige Ministerpräsident Berlusconi in fünf Jahren an der Regierung in Gesetzesform gegossen hatte. Dazu gehören die„Ad-Personam-Gesetze“, die mit Eingriffen ins Strafgesetzbuch und die Strafprozessordnung viele der gegen Berlusconi laufenden Prozesse und Ermittlungsverfahren abgewendet hatten, aber auch das Mediengesetz, das Berlusconis Machtstellung als privater Medienunternehmer zementiert und der Regierung totalen Zugriff auf die staatliche Rundfunkanstalt RAI erlaubt hatte.
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten