14 Schon dies ist eine erste Überlebensgarantie für Prodi. Seine Chancen bessern sich aber weiter durch die Tatsache, dass sich auf der Rechten konkurrierende Modelle der Weiterentwicklung der Allianz gegenüberstehen: • Im ersten Szenario bleibt Berlusconi Herr des Verfahrens. Berlusconi strebt, offenbar mit Blick auf eine Zukunft ohne ihn, die Konsolidierung von Forza Italia an. Sein Intimus Marcello Dell’Utri hat im Herbst 2006 mit dem Aufbau von„Circoli della libertà“,„Zirkel der Freiheit“, begonnen. Diese Clubs auf lokaler Ebene sollen vor allem junge Leute anziehen, um der Berlusconi-Rechten ein echtes organisatorisches Gerüst zu verschaffen. Zudem strebt Berlusconi die Fusion der Rechtsparteien in eine„Partei der Freiheit“ an, die anders als Forza Italia nicht mehr völlig an seine Person gebunden wäre – in der er aber über seine„Zirkel“ weiter ein gewichtiges Wort bei der Nachfolgefrage mitzusprechen hätte. • Gianfranco Fini von AN setzt bisher an der Seite Berlusconis ebenso auf den Zusammenschluss der Rechten in einer Partei. Seine Hoffnung ist jedoch, dass seine Anhänger dort eine zentrale Rolle übernehmen werden. Erstens nämlich ist AN die am besten strukturierte Partei auf der Rechten, da sie anders als FI mit einem organisatorischen Unterbau im ganzen Land präsent ist. Zudem ist Fini der populärste Politiker der italienischen Rechten. Um Berlusconi als Chef der Allianz beerben zu können, braucht Fini allerdings Zeit, damit der Umstrukturierungsprozess hin zu einer neuen Partei stattfinden kann. • Zeit braucht auch Pierferdinando Casini. Er verfolgt ein diametral entgegengesetztes Projekt. Im NoFES-Analyse: Italien vember 2006 gab seine UDC bekannt, sie rechne sich nicht mehr zum rechten Oppositionsbündnis „Haus der Freiheiten“, und verweigerte die Teilnahme an der großen Oppositionsdemonstration am 2. Dezember in Rom. Die UDC erklärte, sie stehe für eine„populistische, rechte Opposition“ nicht zur Verfügung und wolle stattdessen einen gemäßigten Oppositionskurs der Mitte verfolgen. Dahinter steckt einerseits das Kalkül, dass Forza Italia nach einem Rückzug Berlusconis aus der Politik unweigerlich auseinanderfallen wird. Zweitens steckt dahinter die Hoffnung, dass dann die bisher nur 6% zählende UDC viele der gemäßigt rechten FI-Wähler mit christdemokratischer Tradition wieder für eine explizit christdemokratische Partei gewinnen kann. Angesichts dieser Spaltung der Opposition kann Prodi kaum an einem Betriebsunfall bei einer der im Senat immer wieder nötigen Vertrauensabstimmungen scheitern. Casinis Christdemokraten haben größtes Interesse daran, eine zufällige Niederlage Prodis zum Beispiel wegen des Fehlens eines Mitte-Links-Senators zu verhindern und würden nötigenfalls einen der UDC-Senatoren aus dem Saal schicken. Zerbrechen könnte die Mitte-Links-Koalition wohl nur am Auszug einer Partei aus dem Bündnis – ein Szenario, das angesichts der unabsehbaren Folgen für die Allianz wie für die sie bildenden Parteien zurzeit unrealistisch ist. Prodi hat also trotz seiner hauchdünnen Mehrheit und trotz seiner heterogenen und zersplitterten Koalition recht gute Chancen zu überdauern. Weniger klar ist dagegen, ob er mehr kann als nur zu überdauern – sprich ob er mit seiner Regierung imstande ist, Italien aus der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise herauszuführen. Die Perspektiven Italiens – ein Ende der ökonomischen Stagnation? Romano Prodi gewann im April 2006 die Wahlen mit dem dreifachen Versprechen„Sanierung, Gerechtigkeit, Innovation“. Im Wahlkampf der Mitte-Links-Allianz hatte der Terminus„declino“ – „Niedergang“ – im Mittelpunkt gestanden, wenn es um die Charakterisierung der Entwicklung Italiens in den fünf Regierungsjahren Silvio Berlusconis ging. Die Rede vom Niedergang Italiens kommt nicht von ungefähr: Die einzige positive wirtschaftliche Entwicklung in den letzten Jahren ist die der Beschäftigung. Lag die Arbeitslosigkeit in den späten 1990er Jahren noch bei 10%, so ging sie bis 2006 auf 6,1% zurück. Diese Ziffer steht jedoch nicht für eine dynamische italienische Ökonomie, denn alle anderen Parameter weisen Italien als Schlusslicht in Europa aus. In den Jahren 2001-2005 betrug das durchschnittliche Wachstum nur 0,6% p.a. Während in Deutschland die Industrieproduktion im Jahr 2000 gegenüber 1995 einen Wert von 114% erreichte, um im Jahr 2005 auf
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