8 des Landes politisch ausgebeutet. Schon seit dem Ende der 1940er Jahre hatten sich die mächtige Christdemokratische Partei auf der Rechten und die KPI(die größte Kommunistische Partei in einem Land des freien Westens) auf der Linken gegenüber gestanden. Beide Parteien organisierten ihre Anhängerschaft in einem dichten Netz gesellschaftlicher Organisationen bis hin zum – mal katholischen, mal„roten“ – Sportverein und schufen so regelrechte politische„Subkulturen“. Wählerwanderungen zwischen den beiden Lagern – die in den Romanfiguren Don Camillo und Peppone gar nicht allzu unrealistisch abgebildet waren – fanden so gut wie gar nicht statt. Zentral war auf beiden Seiten ein hoher Grad an ideologischer Bindung. Gerade bei der Christdemokratie spielte auch eine gezielte Interessenpolitik eine wichtige Rolle, die nicht zuletzt die Angehörigen der selbständigen Mittelschichten – Landwirte, Händler, Handwerker – systematisch begünstigte. Jene Selbstständigen, die damals wie heute knapp ein Drittel der Erwerbsbevölkerung zählten, durften sich zum Beispiel sicher sein, dass die Steuerfahndung sehr nachlässig mit dem weit verbreiteten Tatbestand der Steuerhinterziehung umging. Umgekehrt setzte die KPI in ihrer politischen Rhetorik immer auf die Geißelung dieses Missstandes, mit dem erklärten Ziel, die Arbeitnehmer für sich zu gewinnen. Die Linke wurde FES-Analyse: Italien so auch in einem zweiten Sinne zum Schreckgespenst der selbstständigen Mittelschichten: Sie verkörperte nicht bloß die„kommunistische Gefahr“, sondern auch die Drohung einer rigideren Steuerpolitik. Berlusconi hatte im Jahr 1994 sehr richtig erkannt, dass die„alten“ Spaltungen mit dem Ende des OstWest-Gegensatzes keineswegs hinfällig waren – man musste sie nur am Leben erhalten. Dies tat Berlusconi mit einer geschickten Propaganda, die vor allem an die Angst der Mittelschicht-Wähler vor dem„linken“ Steuerstaat appellierte. Bis heute ist die„kommunistische Gefahr“, in der altbewährten„christdemokratischen“ Mischung zwischen ideologischen Kreuzzugstönen und Appellen an die Interessen der Selbstständigen, fester und wirksamer Bestandteil der politischen Rhetorik der italienischen Rechten. Dass nach der Wahl vom 9./10. April 2006 die Diagnose vom tief gespaltenen Land weiterhin stimmt, zeigt deutlich, wie wenig sich die Erwartung erfüllt hat, jener Urnengang könne mit einem klaren Resultat und dem darauf folgenden Ausscheiden Berlusconis aus der Politik einen grundlegenden Wandel nach sich ziehen. Statt einen grundlegenden Wandel herbeizuführen, präsentierte sich der Wahlgang 2006 zunächst bloß als weitere Etappe in der Italien seit 1994 charakterisierenden politischen Übergangsphase. Die Perspektiven der Mitte-Links-Allianz So knapp Prodis Sieg am Ende auch war – er stellte doch in wenigstens einer Hinsicht ein Novum dar. Zum ersten Mal nämlich seit Berlusconis Einstieg in die Politik 1994 war es dem italienischen Mitte-Links-Bündnis gelungen, die Rechte aus eigener Kraft zu schlagen. Denn Prodis Sieg von 1996 war alleine deshalb zustande gekommen, weil sich in jener Wahl die Rechte gespalten präsentiert hatte. Einerseits war Berlusconi damals im Bündnis mit den Postfaschisten der Alleanza Nazionale(AN) und den Christdemokraten der DDC-CDU(die dann zur UDC fusionieren sollten) angetreten; andererseits war die rechtspopulistische Lega Nord in allen Wahlkreisen Norditaliens mit eigenen Kandidaten ins Rennen gegangen. Von dieser Zersplitterung der Rechten – deren Parteien bei der Proporzstimme damals insgesamt auf 52,5% gekommen waren – hatte am Ende die Linke profitiert, ohne jedoch die absolute Mehrheit der Wähler auf ihrer Seite zu haben. Bei den Wahlen von 2001 wiederum hatte Berlusconi seinen Block erneut geeint und 49,6% der Stimmen davongetragen, während das Ölbaum-Bündnis auf 35,6% und die separat angetretene„Rifondazione Comunista“ auf 5,0% gekommen waren.„Dritte“, (keine der beiden Allianzen angehörige Kräfte) hatten 9,8% erreicht. 2006 dagegen war es Prodi gelungen, einerseits einen Pakt mit den Kommunisten zu schließen und andererseits auch alle bisher zwischen den beiden Lagern aktiven Parteien ins Bündnis zu ziehen. Zwar gelang es Prodi nicht, der Berlusconi-Allianz Stimmen abspenstig zu machen – deren Resultat blieb mit 49,7%(gegenüber 49,6% 2001) völlig unverändert –, doch er konnte als letztlich ausschlaggebenden Erfolg vorweisen, alle nicht mit
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