Mitteilungs- Blatt
Nr. 5.
des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend.
Aushalten!
Berlin, den 9. August 1916.
11. Jahrgang.
zerfasert ist, klaffen auch in unserem Parteigebäude die Mauern auseinander. Die aber, die Wir sind in das dritte Jahr des Weltkrieges fich als berufene Führer der Parteieinheit auseingetreten. Wer hätte vor zwei Jahren, als die geben, suchen mit Gewaltmitteln und bureaukralauten Aeußerungen der Kriegsbegeisterung auf tisch- juristischen Fußangeln die, die anders denken den Straßen und aus den öffentlichen Lofalen als sie und ihre Kriegspolitik nicht als aller in die Ohren hallten, gedacht, daß die gesamte sozialistischen Weisheit höchsten Schluß betrachten Kulturwelt einer solch furchtbaren Belastungs- wollen, zu fnebeln und zu Falle zu bringen. probe ausgesetzt werde. Was die Kriegsgeschichte Wahrlich, ein Zustand, der so manchen bitteren bis in die jüngste Vergangenheit an Heereszahlen, Ausdruck der Parteiverdrossenheit verstehen läßt, Waffentaten, Führergeschick, und Mannschafts- den man hier und da hören kann. Eine Verleistungen fündet, ist im Laufe des heutigen drossenheit, die noch erhöht wird durch das GeVölferringens hundertfach übertroffen worden. fühl der Ohnmacht, weil durch den eisernen Weit über das Maß des jemals Dagewesenen Kriegszwang nichts, oder so gut wie nichts, zur geht aber auch das Vernichtungswerk, das von Gesundung der Partei getan werden kann. Verdem faum übersehbaren Aneinanderprallen der mehrt wird die Erbitterung noch dadurch, daß die Seeresmassen unzertrennlich ist. Das Leben der im Lager der Fraktionsmehrheit Stehenden viel Völker und das Leben der einzelnen wird von größere Ellenbogenfreiheit in der Vertretung Kriegswirkungen erschüttert, an die vor zwei ihrer Anschauungen haben. Unter direkter und Jahren nur ganz wenige dachten. Diese Erschütte- indirekter Billigung der Parteispitzen gehen regelrungen werden anhalten, je mehr die Völker ihre mäßig die Produkte der. K.", der Fackel", legten Kräfte in die blutige Wagschale werfen, der Parteiforrespondenz" in die Welt hinaus, ja sie werden noch weiterwirken, wenn die Ka- schießen Broschüren und Bücher der Umlerner" nonen verstummt und die Schüßengräben zuge- wie Pilze aus der Erde hervor, während die worfen sein werden. Schwer, unsagbar schwer Opposition nur fümmerlich und oft nur in Anist es, in dem Dröhnen und Beben dieser auf Tod deutungen ihre Argumente verfechten kann. und Leben kämpfenden Welt, in diesem Sturm- Nichtsdestoweniger wird von den erleuchteten wind der Leidenschaft sich ein flares, unbeein- Barteispitzen Zeter und Mord geschrien, wenn flußtes Urteil zu bewahren, sich Rechenschaft zu die Minderheit sich auf irgendeine Weise Gehör geben, wie das, was heute geschieht, kommen und Geltung zu verschaffen sucht, alle nur erdenkfonnte, sich einen Ausblick zu verschaffen auf das, lichen Bannflüche kommen dann aus dem Munde was aus all dem werden will. unserer Parteigewaltigen, ja man läßt sich im Kampfe gegen die ††-Opposition die Bundesgenossenschaft mancher höheren Mächte gern gefallen. Alles unter der jeßt wahrlich nicht mehr. ernst zu nehmenden Redensart: Die Einheit der Partei muß gewahrt werden. Besonders erbaulich hat sich dieses Pharisäertum gezeigt im Schalten und Walten des Siebenmänner- Rollegiums, das nach der Methode des Doktors Eisenbart in Teltow- Beeskow die Spaltpilze vernichten wollte und dabei selbst die eigene Organijation aus den Fugen brachte, ganz zu schweigen davon, daß wohl selten Bureaufraten mit der Demofratie ärger Schindluder gespielt haben als
Vielleicht am schwersten ist das Zurechtfinden im tosenden Wirbelstrom der Ereignisse und das Ergründen dessen, was nach ihnen fommen mag, für uns Sozialdemokraten. Jahrzehnte lang haben wir unsere Aufgabe darin erblickt, das zu bekämpfen und zu verhüten, was uns jetzt seit zwei Jahren in seinem unheimlichen Banne hält und mit eisernem Zwange unsern Arm lähmt. Der Kampf der feindlichen Heere hat einen Bruderkrieg in unseren Reihen gezeitigt, dessen Ausgang heute noch ebenso dunkel vor uns liegt wie der Ausgang der Vorgänge auf den Kriegsschauplätzen. Ein offener, freier Meinungsaustausch ist unmöglich, ein Aufrollen und Beleuchten es hier der Fall ist. aller Fragen, die mit Kriegsursache, Kriegs- Gewiß, es sind unerfreuliche Bilder, die sich verlauf und Kriegswirkungen zusammenhängen, heute fast täglich dem Auge beim Hineinblicken fann nicht erfolgen. Zu Beginn des dritten in das Parteileben darbieten. Und wohl jeder, Kriegsjahres vielleicht noch weniger als vorher. der es mit der Partei und mit der Zukunft von Da das geistige Band der Partei zerrissen und Demokratie und Sozialismus, ernst