Mitteilungs- Blatt

Nr. 4.

des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend.

Berlin, den 12. Juli 1916.

Rückblick und Ausblick.

11. Jahrgang.

Der

drinnen im Lande geschah oder auch nicht ge­schah, am rauhesten angepackt, am tiefsten er­Am 25. Juni haben die Berliner Genossen schüttert. Eine Bewegung, die groß geworden zum ersten Male wieder seit mehr als zwei ist im scharfen Zugwind demokratischer Selbst­Jahren eine Verbandsgeneralversammlung ge- fritik und demokratischer Kontrolle, kann in habt. Aber zwischen dieser Berliner Partei- der burgfriedlichen Luft nicht das kraft­tagung und der lezten im Juni 1914 liegt volle Gebilde bleiben, das sie war, als das ein brandendes Meer erschütternder, furcht- Für und Wider der verschiedenen Partei­barer weltgeschichtlicher Ereignisse, ein Meer meinungen frei und ungehindert miteinander von Blut und Tränen, dessen Wogen heute ringen und auf demokratischem Wege zu einem vielleicht mehr denn je vom Sturmwind Ausgleich gebracht werden konnte. Die Reichs­dämonisch- gewaltiger Vernichtungskämpfe auf- tagsfraktion, die parlamentarische Vertretung gepeitscht werden. Alle Grundfesten des der Partei, deren Tätigkeit jahrzehntelang der Völkerlebens, all seine wirtschaftlichen, politi- Kontrolle der Gesamtpartei unterstellt war, schen, sozialen und kulturellen Erscheinungen etablierte sich, in gewollter oder ungewollter sind erschüttert, und jeder, der sich nicht in Anpassung an die durch den Belagerungs­stumpfer Ergebung oder gedankenloser Ober- zustand geschaffenen Zustände, als die höchste flächlichkeit in dieser Weltkatastrophe treiben und allein maßgebende Parteiinstanz. läßt, muß sich fragen: Was will das werden? Parteivorstand, dessen Mitglieder zum größten Teil als sehr attive Parlamentarier für die Hal­tung der Fraktion verantwortlich sind, erblickte seine Aufgabe nicht darin, in dem Meinungs­streit, der durch den Krieg entstanden war, eine vermittelnde und die Einheit wahrende Stellung einzunehmen, sondern er dekretierte, daß die Beschlüsse der Fraktion als die einzig richtigen von der Partei als Ausflüsse unfehlbarer politi­scher Weisheit hinzunehmen seien. Alle organi­satorischen Machtmittel, die zu anderen Zeiten und unter anderen Voraussetzungen dem Partei­vorstand in die Hand gegeben waren, fast der ganze bureaukratische Apparat der Partei wurde benutzt, ihr die Politik des 4. August und des großen Umlernens aufzuzwingen. Wer die Dinge mit anderen Augen ansah, wer da meinte, der wissenschaftliche Sozialismus und die Be­schlüsse unserer Parteitage und internationalen Kongresse ebensosehr wie die Erfahrungen und Wirkungen des Weltkrieges erforderten ge­bieterisch eine andere Politik unserer Partei, wurde als Parteizerstörer", als Phrasenheld oder als unbelehrbarer Querkopf verlästert, von anderen Beschimpfungen ganz zu schweigen. Ging es doch sogar so weit, daß eigene Partei­genossen den Gegnern der Fraktionsmehrheit vorwarfen, sie stünden im Solde des feindlichen Auslandes.

Diese ernst- besorgte Frage hat auch das Leitmotiv unserer legten Berliner Parteitagung gebildet. Die krampfhaften Zuckungen, die jetzt den Körper der Kulturwelt schwächen und schütteln, haben auch unseren Parteiförper er faßt. Er hat jezt eine schwere Krise durchzu­machen, gegen die alle früheren in seiner fünfzig jährigen Lebensgeschichte nur Kinderkrankheiten

waren.

Man hat den Berliner Genossen bittere Vorwürfe gemacht, daß sie gerade in dieser Krise zusammengetreten sind, um in ihrem Or­ganisationsleben tiefeinschneidende Aenderungen vorzunehmen. Man hat sie verlästert als eine Bande tobsüchtiger Amokläufer, die kein anderes Lebensziel kennen, als gegen die Partei und ihre Organisation zu rasen und zu zertrümmern, was in jahrzehntelanger Arbeit mühsam auf gebaut worden ist. Und dennoch können die Berliner Genossen mit gutem Gewissen sagen, daß sie das, was sie auf ihrer letzten Tagung beschlossen haben, im Interesse der Partei und ihrer Organisation notwendig war.

Zwei Jahre lang war die Partei in ihrem ureigensten Lebenselement, der freien Aus­Sprache in Versammlungen, in der Presse, auf Barteitagen usw. so gut wie vollständig lahm­gelegt. Und dabei wurde gerade sie von all dem, Dieser Druck von oben erzeugte natürlich was draußen auf den Schlachtfeldern und den Gegendruck von unten. Die Opposition, die