Mitteilungs- Blatt

Nr. 1.

des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend.

Berlin, den 12. April 1916.

Gemeindevertreterkonferenz.

Am Sonntag, den 2. April, tagte die zweite Konferenz der sozialdemokratischen Stadtverord­neten und Gemeindevertreter Groß- Berlins wäh­rend der Kriegszeit, an der auch der Zentralvor­stand des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine teilnahm.

Auf der Tagesordnung stand:

Die Lebensmittelfrage in den Gemeinden.

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Der Referent, Genosse Wurm, besprach die Verordnungen und behördlichen Maßnahmen, welche zur Regelung der Lebensmittelfrage ge­troffen worden sind. Er führte u. a. aus, daß die Gemeinden jetzt oft dafür verantwortlich gemacht werden, wenn in der Lebensmittelversorgung nicht alles klappt. Aber solche Kritik ist unbe­rechtigt, denn die Gemeinden haben nur das zu vollziehen, was ihnen durch die Verordnungen des Bundesrats und des Reichskanzlers auf­erlegt worden ist. Das Reich hätte ein­greifen müssen wie es die sozialdemo­fratischen Anträge im Reichstag von An­fang an forderten mit Zwangsmaß­nahmen für den Anbau bestimmter Lebens­mittel und Regelung des Verbrauchs durch Be­schlagnahme bei den Erzeugern und Ueberwei­fung an die Verbrauchsverbände. Die Regie­rung hat erst die Teuerung ruhig entstehen laffen, in der Absicht, die Volksmassen dadurch zur Einschränkung zu zwingen, und wenn die Teuerung eingetreten war, dann wurden Höchst preise festgesetzt, die den Agrariern recht waren. Die Rationierung durch das Kartensystem ist bei allen Lebensmitteln zu spät eingetreten. Da die Höchstpreise von Zeit zu Zeit steigen, so halten die Landwirte natürlich ihre Waren so lange wie möglich zurück, und so entsteht zeit­weise ein Mangel bei den Verbrauchern, wie wir das in besonders frasser Weise bei den Kartof feln gesehen haben. Um dem vorzubeugen, haben wir von Anfang an verlangt, daß die Höchst preise nicht mit der Zeit steinen, sondern fallen. Bezüglich der Kartoffeln soll das ja jezt ge schehen. Ob es wirklich der Fall sein wird, wollen wir abwarten.

11. Jahrgang.

machen. Demgegenüber sind die Gemeinden in einer schlechten Lage. Sie haben nicht die Macht, die Erzeuger von Lebensmitteln zum Verkauf zu zwingen. Wenn die Gemeinden nicht genug Lebensmittel zur Verfügung haben, dann kann reichendem Maße stattfinden. Ein Uebelstand natürlich auch die Verteilung nicht in aus­ist es, daß die für die verschiedenen Lebens­mittel festgesetzten Höchstpreise nicht in dem rich­tigen Verhältnis zueinander stehen. Die Fleisch­preise sind so hoch, daß es für den Landwirt vor­teilhafter ist, die Kartoffeln zu verfüttern, an­statt sie auf den Markt zu bringen. Daraus schließen die Agrarier, die Kartoffelpreise müssen erhöht werden. Wir aber sagen, die Fleischpreise müssen herabgesetzt werden. Es ist nach wie vor unsicher, ob wir so viel Kartoffeln bekommen werden, wie die städtische Bevölkerung braucht. Es ist zu bedauern, daß Charlottenburg mit der Startoffelfarte besonders vorgeht und sich der Groß- Berliner Gemeinschaft, mit der wir bei der Brotkarte die besten Erfahrungen gemacht haben, nicht angeschlossen hat. Wir müssen an der Groß­Berliner Gemeinschaft schon deshalb festhalten, um zu zeigen, daß Groß- Berlin als einheitliches Wirtschaftsgebiet zusammengehört. In Char­lottenburg wird darüber gejammert, daß das Brotfartensystem zu hohe Kosten verursacht.. Es ist richtig, daß diese Sosten verhältnismäßig hoch find. Aber wir müssen bedenken, daß das für die Gemeinden Kriegskosten sind, die getragen wer­den müssen im Interesse der ärmeren Bevölke­rung. Wir müssen verlangen, daß alle Lebens­mittel rationiert werden, also das Kartensystem noch weiter ausgebaut wird, damit man sich nicht stundenlang vor den Läden drängen braucht, um das bißchen Lebensmittel zu bekommen.

Bezüglich der Butterberteilung ist bis in die neueste Beit nichts geschehen. Von dem Ver­brauch an Butter wurden ja nur 13 Prozent durch Einfuhr aus dem Ausland gedeckt. Aber in Groß- Berlin wurden fünf Siebentel des Butterverbrauchs durch die Einfuhr gedeckt. Da diese fehlt, hätte längst eine Regelung der Ver­teilung stattfinden müssen. Endlich ist ja jetzt die Butterkarte eingeführt, und da haben wir wieder die Groß- Berliner Gemeinschaft. In einer gewissen Presse ist uns zum Vorwurf ge­Je länger der Krieg dauert, desto mehr macht worden, daß wir den Kindern unter vier­wird sich die Lebensmittelknappheit bemerkbar zehn Jahren nur die Hälfte des Quantums der

Friedrich

Ebert

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Bonn

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Z 19346