Mitteilungs- Blatt
Nr. 13.
des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend.
Berlin, den 10. Dezember 1916.
11. Jahrgang.
Mittwoch, den 13. Dezember: Zablabend in Groß- Berlin.
Kriegsziele und Friedensforderungen.
I.
Die Erörterungen über die Beendigung des Weltkrieges und seine Ergebnisse für die Krieg führenden nehmen jetzt in der Presse einen breiten Raum ein und können mit größerer sachlicher Gründlichkeit geführt werden, als das bisher der Fall war. Jm dritten Jahr der furchtbarsten Weltkatastrophe, die die Geschichte kennt, regt sich mehr und mehr in den Herzen aller Völker die Sehnsucht nach einem Abschluß des grausamen Ringens mit all seinen Entbehrungen, seinen Nöten des Leibes und der Seele, seiner Vernichtung von materiellen und ideellen Kulturgütern. Leider hat dies Friedenssehnen der Völker bei den Regierungen und bei den offenen und verkappten Kriegsparteien noch kein Echo gefunden. Hier wartet man noch immer auf den ,, endgültigen Sieg" in dem Sinne, daß der Gegner, oder richtiger, daß alle Gegner, die auf der einen oder anderen Seite dieses riesenhaften Koalitionskrieges stehen, zerschmettert, ins Herz getroffen und auf Jahrzehnte, wenn nicht für immer, militärisch, politisch und wirtschaftlich gelähmt am Boden liegen.
So stehen in allen Ländern die Dinge: Ueberall führt auf der einen Seite das Friedenssehnen zu dem Wunsche nach einer Beendigung des Krieges durch Verständigung, auf der andern Seite aber will man den Frieden nur mit der rücksichtslosen 3erschmetterung der Feinde erkaufen, gleichviel, ob dadurch das Völkerwürgen ins Unendliche verlängert wird.
Zwischen diesen beiden Polen liegen dann noch Auffassungen, die aus Unklarheit oder aus inner- oder parteipolitischen Gründen( siehe Scheidemann) sich bald dem einen, bald dem andern Extrem nähern.
Die Frage der Kriegsziele wird natürlich von diesen grundsätzlichen Auffassungen Ver= ständigung oder Zerschmetterung beeinflußt, damit aber auch die Probleme der Friedensmög lichkeit und der Friedensvermittlung.
Da all diese wichtigen, jeden Einzelnen angehenden Fragen bisher nur bruchstückweise und unvollkommen öffentlich erörtert werden konnten, wollen wir den Berliner Parteigenossen einmal im Zusammenhange die verschiedenen Auffassun
gen über die Kriegsziele und Friedensforderungen darlegen, damit sie einmal erkennen, wo die Kriegstreibenden Kräfte zu suchen sind, dann aber auch zwischen wahren und falschen Friedensfreun= den unterscheiden lernen.
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Leider kann auch jetzt noch nicht eins der für die Klärung der Kriegs- und Friedensfragen wichtigsten Probleme mit aller Gründlichkeit untersucht werden: die Frage, ob es sich um einen Verteidigungskrieg oder um einen Angriffs= und Eroberungskrieg handelt. Hierzu wäre ein Eingehen auf die wirtschaftliche, politische und militärische Vorgeschichte des Weltkrieges notwendig. Zu dieser Vorgeschichte zählen wir die sich überhastenden und verworrenen Ereignisse der Julitage 1914 nicht denn in diesen Tagen tam nur. zur Entladung, was bis dahin auf allen Seiten an Zündstoff aufgehäuft war. Ferner müßten auch die einzelnen Kriegsperioden militärisch und politisch in ihrer Wirkung nach innen wie nach außen gewertet werden können, um eine befriedigende Antwort auf die Frage:„ Verteidigungsoder Angriffstrieg" zu erhalten. All das sind Dinge, die zurzeit noch der kritischen Untersuchung entzogen sind. Scheidemann, die Gewerkschaftsführer und die sozialdemokratische Fraktionsmehrheit haben sich die Sache freilich sehr leicht ge= macht. Sie haben das Dogma vom reinen und absoluten Verteidigungskrieg proklamiert und zum ersten Artikel ihres Kriegskatechismus gemacht. Auf ihm gründet sich ihre ganze Kriegspolitik, durch ihn wird auch ihre Friedensarbeit gelähmt und unfruchtbar gemacht. Denn aus dem geschlossenen Kriegschor Deutschlands, den die Regierung, die bürgerlichen Parteien und die Mehrheitssozialdemokraten bilden, tönen auch sehr kräftige Eroberungsmelodien. Solange die Scheidemänner aber rührige und begeisterte Mitglieder dieses Kriegschors sind, werden ihre Friedenssoli neben den massiven Annexionsbässen und den gedämpften„ Angliederungs"-Tenören dem Auslande wie dem Inlande disharmonisch in die Ohren flingen.
Mit dem Dogma vom reinen Verteidigungskrieg stehen in Widerspruch die Kriegsziele der 3erschmetterungstheoretiker, deren wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Einfluß nicht unterschätzt werden darf. Die Verfechter der