Mitteilungs- Blatt
N. 8.
des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend.
Berlin, den 8. November 1916.
Parteipharisäer.
11. Jahrgang.
den Vorzug einer in ihrem Wesen begründeten Ehrlichkeit und Offenheit hat.
,, Das Leben einer geistig regen, demokratischen Partei steht mit einer Aufhebung aller demokratischen Rechte im schärfsten Widerspruch. Man kann nicht ohne die schwersten Schäden eine demokratische Bewegung mit einem Schlage in eine unumschränkte Gewaltherrschaft verwandeln. Die Personen, die diese Gewalt ausüben, können solcher Verantwortung weder sachlich noch moralisch gewachsen sein."
Ein in der Geschichte der Partei, ja in der politischen Geschichte überhaupt, noch nicht dagewejener Gewaltstreich ist von Männern verübt worden, die an der Spize einer Bewegung stehen, deren Lebenselement, Gegenwarts- und Zufunftsziel der Kampf für Sozialismus und Demokratie ist: das brutal- perfide Attentat des Vorstandes der deutschen sozialdemokratischen Partei auf den Vorwärts"! Das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Grundsäße und Der Mann, der diese Säße niedergeschrieben Traditionen einer rein demokratischen Partei, hat, ist der Reichstagsabgeordnete-- Wolfalle Begriffe von Treu und Glauben sahen wir gang Heine, der es liebt, seine sozialdemokrain den letzten Wochen über den Haufen gewor- tischen" Anschauungen in Leitartikeln des„ Berfen, niedergetrampelt und verhöhnt von Leuten, liner Tageblatts" der bürgerlichen Welt zu verdie einst das Vertrauen ihrer Genossen zu ge- fünden. Aber so genau wir wissen, daß Heine wissenhaften Hütern und Wächtern der demokra- uns und die Mehrzahl der Berliner Parteitischen Freiheit gemacht hatte. Die Parteidemo- genossen mit seinem ehrlichen Haß beglückt, so fratie ist von einer Parteidiktatur verdrängt sehr stimmen wir seinen oben angeführten Worworden, die noch verächtlicher und gefährlicher ten zu. Freilich einer kleinen Fälschung haben ist als jede andere zurzeit herrschende Diktatur, weil sie ihrer Brutalität eine heuchlerische, pharisäische Maske vorzubinden, ihre des Dezembermannes Napoleon III. würdigen Methoden mit verlogenen Berufungen auf die sozialistische Weltanschauung" usw. zu drapieren sucht.
Die Geschichte und die Einzelheiten dessen, was man furzweg den Vorwärtskonflikt nennt, was aber, von einer höheren Warte betrachtet, den moralischen Zusammenbruch der Kriegspolitik der offiziellen deutschen Sozialdemokratie darstellt, haben die Genossen durch ihre Organisationen erfahren, und finden sie hier kurz zujammengefaßt noch einmal an anderer Stelle. Hier soll das Vorgehen des Parteivorstandes nur vom Standpunkte politischer und demokratischer Moral beleuchtet werden.
Wenn irgendwo, so zeigt sich die demoralisierende Wirkung des furchtbarsten aller Ariege besonders erschreckend bei den Männern, die dank des Kriegszustandes die Zügel und die Mittel der Partei noch immer in den Händen halten können. Seit Jahren frei von jeder energischen, demokratischen Kontrolle durch Parteitage usw. legen sie dasselbe frankhafte Machtgefühl" an den Tag, das jüngst Herr MüllerMeiningen im Reichstage an den Vertretern einer anderen Diktatur geißelte. Einer Diftatur, die vor unserer Parteidiftatur immer noch
wir uns schuldig gemacht. Wo wir demokratische Partei" sagen, spricht Heine von einer gefitteten Nation", wir schreiben von„ demokratischen", Heine von„ staatsbürgerlichen" Rechten, wir nennen demokratische Bewegung", was Heine als ,, Rechtsstaat" bezeichnet, aber abgesehen von diesen beiläufigen Nuancen stimmen wir vollständig mit Heine, vor allem aber mit seinen Schlußfolgerungen überein. Denn Heine und alle die, die von dem schönen Bande der sozialdemokratischen Vorstands- und Fraktionsmehrheitspolitik umschlungen werden, geben doch zu, daß die von ihnen aufgestellten Grundsäße der politischen Moral für alle Erscheinungen des politischen Lebens Geltung haben; damit natürlich auch für das Drum und Dran des Vorwärts"-Konfliktes und das pharisäisch- diktatorische Gebaren des Parteivorstandes.
Darum wollen wir dem Vorstande auch noch die folgenden Worte Heines unter die jetzt noch so hochgetragenen Nasen reiben:" Die Versuche, oppositionelle Regungen durch Gewaltmittel zu unterdrüden, müssen natürlich versagen; und ebenso natürlich ist es, daß auf eine wirkungslos gebliebene Maßregel eine zweite und dritte gestopft wird, und daß je länger der Zustand dauert, die Unterdrückung immer gehässiger und die Stimmung nicht besser, sondern immer verbitterter wird. Das weiß jeder, der sich auf geistige