Mitteilungs- Blatt des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend.
Mr. U. KerHn. den 36. November 1916. 11. Jahrgang.
Parteigenossen und Parteigenossinnen Groß-Äerlins! Erlahmt nicht im Kampfe für Eure schmählich geraubten Rechte! Mit allen Mitteln der Täuschung und der Gewalt hält der Parteivorstand Euer Blatt, den„Vorwärts", in seinen Fäusten. In der neuesten Klubgründung eines Eugen Ernst hat er sich eine willfährige Schutztruppe geschaffen, die Euren Organisationen in den Rücken fallen und beim Raube Eurer Rechte und Eures Eigentums mithelfen will. Im Hintergrunde aber stehen als Drahtzieher und Spießgesellen die Gewerkschaftsdespoten, die mit den Geldmitteln der Gewerkschaften den im Müller-Borwärts inszenierten Bauernfang unter den unaufgeklärten Arbeitern und Frauen unterstützen. Im Kampf gegen solche Gewaltpolitiker und Demagogen darf es um Eurer Parteiehre und um der Gesundung und der Zukunft der deutschen Arbeiterbewegung willen kein Nach- lassen geben. Sorgt daher für immer umfassendere Durchführung der Beschlüsse der Berliner Verbandsgeneralversammlung vom 29. Oktober. Sorgt für die ständige Verbreitung dieses Eures Mitteilungsblattes unter allen unseren Mitgliedern. Sorgt für Aufklärung unter den Arbeitern und Arbeiterinnen, zeigt ihnen das wahre Gesicht der falschen Propheten, die durch ihren Gewaltstreich gegen den„Vorwärts" alle Grund- sähe der Arbeiterbewegung verleugnet haben und jetzt in diesem zum Vorstandslakaien ge- wordenen Blatte ein unehrlich Spiel treiben. Jäher, unerbittlicher Kampf gegen das Euch angetane Unrecht— das muß Eure Losung sein!
Friedensengel Scheidemann. Siebenundzwanzig Monate lang hat Philipp Scheidemann alle die Parteigenossen, die für eine entschiedene, allen Anforderungen gerecht wer- dende und zu aller Zeit mit grundsätzlicher Ener- gie vorwärtsdrängende Friedensarbeit der Sozial- demokratie eingetreten sind, mit Hohn und Spott verfolgt. Er war der Führer der Meute, die während der ganzen Kriegsdauer gegen die Min- derheitsanschauungen losgekläfft hat. Siebenund- zwanzig Monate lang war Scheidemanns und seines Famulus und Einbläsers Stampfer Stel- lung zur Friedensfrage auf folgenden Grund- sätzen(wir zitieren wörtlich) aufgebaut! „Jede Kundgebung der Friedensbereitschast wird gedeutet als Zeichen der Schwäche..... Deshalb bleibt uns gar nichts weiter übrig! w i r müssen durchhalten." Und in jener berühm- ten Proklamation Scheideinanns an seine Wähler Neujahr 1915 heißt es!„... Ich wünsche allen den unerschütterlichen Willen zum Durchhalten bis
zum Siege!... Möge uns das neue Jahr b a l- d i g e n Sieg und dauernden Frieden bringen." Stampfer schrieb!„Die Fraktion mußte wissen, daß es jetzt ausschließlich um Krieg und Sieg geht____ Wenn der Krieg da ist, kommt der Friede nur durch Sieg oder N i e d e r l a g e." Auf diesen Ton war alles gestimmt, was im Laufe der Kriegszeit von den Mehrheitsrednern und Schreibern verkündet worden ist. Bände kann man mit derartigen Kriegs- und Siegestiraden füllen, die unter dem Einflüsse der Kriegspsychose niedergeschrieben worden sind. Dabei waren und sind die Durchhalteapostel in der glücklichen Lage, daß ihren Darlegungen keine gründliche, die Dinge in ihrem ganzen Umfange beleuchtende Kritik von entschieden sozialdemokratischem Stand- punkte aus entgegengesetzt werden konnte und kann. Die Scheidemänner sitzen ja in dieser Zeit bei der Vertretung ihrer Anschauungen in sicherem Port. Mit dem Lobe, das im Laufe der Kriegs- zeit von den bürgerlichen Parteien und Zeitungen