Die ene Wolf
e ch
Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.
In Heften à 30 Pfennig.
Erscheint wöchentlich. Preis vierteljährlich 1 Mart 20 Pfennig.. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter.
Weihnachten.
Erzählung von M. Kautsky.
Er war heute besonders lebhaft der fleine Georg, von seinen Eltern gewöhnlich der Große" genannt, er war beinahe aufgeregt, es handelte sich für ihn aber auch um keine Kleinigkeit.
Schon seit Wochen hatte man ihm vom„ Christkind" erzählt, und der dreijährige Bursche hatte begierig aufgehorcht, und wenn er auch nicht alles verstanden hatte, so wußte er doch, daß dies etwas Außergewöhnliches bedeute, und daß artige Kinder etwas schönes dabei bekommen und sich darüber freuen müssen, und er freute sich ganz ungeheuer, der kleine Kerl.
Christabend war nun gekommen, die Uhr hatte soeben die fünfte Nachmittagsstunde geschlagen. Georg befand sich in der Küche, wo seine Mama vor einer Weile die Lampe angezündet hatte. Er hüpfte bald. auf dem rechten, bald auf dem linken Beine herum und schrie dabei so viel er konnte:„ Heute ist Christabend!" und der anderthalbjährige Hanst, der auf dem Schoße der Mutter saß und mit Milchbrei gefüttert wurde, freute sich seinerseits über den famosen Lärm, den sein älterer Bruder aufführte, und er strampelte aus Vergnügen mit seinen Füßen und sang sein„ Ta, ta, tata" dazu, wobei ihm der Milchbrei wieder aus dem Munde floß.
Schon vor einer Stunde etwa war der Vater dieser kleinen Familie, der Sezer Karl Mahlknecht, nach Hause gekommen, aber statt wie sonst seine Stammhalter wechselweise auf den Arm zu nehmen und sich mit ihnen einige Bewegung zu machen, wechselte er mit seinem jungen, ihm entgegen kommenden Weibchen geheimnißvolle Zeichen und mit einem bedeutungsvollen Nicken gegen die Thür flüsterte er ihr zu:„ Es ist schon draußen, Gustel." Und Gustel lächelte und nickte wiederholt, gar verständnißinnig. ,, Komm Georg," rief sie jetzt, wir wollen Verstecken spielen." Er kam rasch herbeigelaufen und sie warf ihm die Schürze über den Kopf. Wo ist der Georg?" fragte sie verwundert, wo ist er hingekommen? ich kann ihn nicht finden."
Der Junge rührte sich nicht, aber er schmunzelte so recht spißbübisch unter seiner Hülle und ließ sich suchen.
Diesen Moment hatte der hinterlistige Vater benutzt, um das Tannenbäumchen durch die Küche in das anstoßende Zimmer zu schmuggeln, und als dies geschehen war brachen die Eltern in ihrer Herzensfreude über das gelungene Manöver in ein lautes Lachen aus. Der kleine Bub' zog schnell den Kopf unter der Schürze hervor, aber es war zu spät. Der Vater tam soeben wieder aus dem Zimmer heraus.
Die Kinder liefen auf ihn zu. Er her te und küßte sie. Er
1877.
konnte seine Freude an ihnen haben, es waren gar hübsche, gesunde Jungen. Der Aeltere, ein ausgesprochener Blondin, mit wunderzartem Teint und herrlichen blauen Augen, glich der Mutter, der Jüngere hatte dunkle Augen und eine bräunliche Gesichtsfarbe, er war, wie die Leute sagten, seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.
Dieser beugte sich zu den Knaben tief herunter. Weißt du Georg, was heute ist?" Christkind," antwortetete dieser schnell, indem er dabei m die Höhe sprang.
Christabend," verbesserte der Vater. Christkind zu den braven Kindern und Sachen."
" Jezt schon?"
„ Und da kommt das bringt ihnen schöne
" Noch nicht. Ich muß jezt erst hinein gehen und dem Christfind erzählen, daß du gut und folgsam gewesen bist." " Ich will auch mit hinein."
" nein, du darfst erst in das Zimmer kommen, wenn ich
läute."
Warum denn?" fragte der Kleine mit seiner hohen, singenden Kinderstimme.
" Das Christkind will es so."
Wirst du bald gehen?"
" Du mußt schon noch eine Weile Geduld haben. Das Christkind hat so viel zu thun; es bringt dir ja einen Baum, und zündet daran viele Lichter an."
Der Bube sah mit seinen großen, klugen Augen neugierig zu ihm auf.
Bist du das Christkind?" fragte er forschend.
Der junge Vater lächelte, er befand sich in einem argen Dilemma. Er war zu vernünftig, um in seinem Kinde den Glauben an etwas Uebernatürliches zu wecken, denn das ist eben der Aberglaube, und doch hielt er es mit der traditionellen Poesie dieses Abends unvereinbar ihm die Wahrheit zu sagen. Er hatte unrecht. Für die Kinder sind die Eltern der Inbegriff alles Guten und Verehrungswürdigen und wenn sie von diesen Geliebten an einem Tag des Jahres, an dem Feste, das der Familie geweiht ist, in so feierlich schöner Weise beschenkt werden, vermeint man, daß dies weniger Eindruck auf ein Kinderherz hervorbringen, daß diese direkte Liebesgabe, die vom Herzen zum Herzen spricht, weniger Poesie enthalten, ihre reinen Gemüther weniger für Liebe und Dankbarkeit empfänglich machen würde,
III
1 Dezember 1877,