Entwicklung MwSt., Einfuhrumsatzsteuer(EUSt.)& deren Anteil am BIP, 2000–2024, sowie Darstellung der Mindereinnahmen durch den ermäßigten Satz, 2019–2024 in Mrd. Euro 400 300 Mindereinnahmen durch ermäßigten Satz Abb. 3 in Prozent 12,0 9,0 200 6,0 100 3,0 0 0,0 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020 2022 2024 EUSt. MwSt. Mindereinnahmen ermäßigter Satz Anteil am BIP Quelle: eigene Berechnungen auf Basis der Steuerschätzungsdaten; Daten zu Mindereinnahmen(BMF 2021, 2023). 2.3 ALTE„HAUSAUFGABEN“ FÜR DIE MEHRWERTSTEUERREFORM:„WILDWUCHS“ UND„ÖKOLOGISCHE BLINDHEIT“ Die Kritik am gegenwärtigen Zustand der MwSt. ist vielfältig. Die Einführung von immer mehr Ermäßigungstatbeständen hat zu einem„Wildwuchs von Einzelregelungen“ geführt(Bundesrechnungshof 2022; Burger et al. 2022). Die Anwendung des ermäßigten Steuersatzes führt in der Praxis regelmäßig zu Abgrenzungsschwierigkeiten, wenn beispielsweise von den Ausnahmen zur Regelbesteuerung (z. B. begünstigter Steuersatz auf Lieferung von Lebensmitteln) weitere Ausnahmen gemacht werden: So sollen u. a. Langusten, Hummer, Austern und Schnecken mit dem Regelsatz besteuert werden. Dies führte immer wieder zu Unsicherheiten und Klärungsbedarf, wie das BMF im Fall von Süßwasserkrebsen und Riesengarnelen deutlich machen musste, die entgegen der Regel weiterhin begünstigt sind (Bundesrechnungshof 2022). Zudem führt die Liste der begünstigten Gegenstände zu widersprüchlichen Ergebnissen, wie sich am Beispiel vom „Coffee to go“ aufzeigen lässt. Ein heißer Kaffee mit einem Schuss Milch unterliegt dem allgemeinen Steuersatz von 19 Prozent, während ein Latte Macchiato, der überwiegend aus Milch besteht, nur mit 7 Prozent besteuert wird. Wenn jedoch pflanzliche Milchersatzprodukte wie Sojamilch verwendet werden, wird wiederum der volle Steuersatz von 19 Prozent fällig(Bundesrechnungshof 2022). Der Staat verteuert letztere dadurch um 12 Prozent und erschwert den Umstieg auf umweltfreundlichere Alternativen durch die Inkonsistenz im Steuersystem(vgl. Postpischil et al. 2021: Kapitel 3.1.2). Nichtsdestotrotz wurde der Katalog der Steuersatzermäßigungen in den vergangenen Jahren bis 2021 sogar um einige Punkte erweitert(siehe Abbildung 4 ). Grundsätzlich gilt, dass die MwSt. blind für ökologische Belange ist und keinen Beitrag zum ökologischen Strukturwandel leistet. In einigen Fällen konterkariert die aktuelle Ausgestaltung den Wandel in Konsum und Produktion hin zu umweltfreundlicheren Alternativen sogar. Energetische Sanierungen werden nicht begünstigt und unterliegen dem vollen Steuersatz von 19 Prozent, was Renovierungen und Reparaturen sowohl im sozialen Wohnungsbau und bei Privatwohnungen verteuert(Postpischil et al. 2021). Eine Anhebung des Steuersatzes für Fleisch und tierische Produkte auf den regulären Satz würde die Bevorteilung umweltschädlicher Lebensmittel beenden. Dies schlagen u. a. der Sachverständigenrat für Umweltfragen(SRU) wie auch der wissenschaftliche Beirat Agrarpolitik des BMEL(WBAE) vor(vgl. WBAE 2020). Tierische Nahrungsmittel haben gegenüber pflanzlichen erhebliche Nachteile für Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Gesundheit: Die Land- und Forstwirtschaft verursacht laut IPCC (2022) 22 Prozent der globalen Emission von Treibhausgasen(THG) – in Deutschland 7,4 Prozent. Die Hälfte der THG-Emissionen der weltweiten Nahrungsmittelproduktion gehen auf den Fleischkonsum zurück. Insgesamt haben tierische Lebensmittel einen viel höheren ökologischen Fußabdruck als pflanzliche Alternativen(siehe hierzu exemplarisch Abbildung 5, ebenso SRU 2023: 110). 8 GERECHTE PREISE FÜR EINE NACHHALTIGE ZUKUNFT DEZEMBER 2024 FES diskurs
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Gerechte Preise für eine nachhaltige Zukunft : vier Thesen zur Reform der Mehrwertsteuer
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